Dr. Detlef Terzenbach: Weiße Biotechnologie: Dank vernetzter Expertise immer einen Schritt voraus

Die Palette der Biotechnologie, Schlüs­sel­­technologie des 21. Jahrhunderts, kennt viele Farben. Relevant für die Ge­­­­­sund­­heitswirtschaft sind vor allem der rote und der weiße Zweig. Die rote Bio­tech­­nologie beschäftigt sich mit An­­­­wen­­dun­­­gen für die Medizin – von der Gen­­diagnostik über neue Therapien bis zur Züchtung von Ersatzge­webe. Die weiße Biotechnologie wiederum, auch industrielle Bio­­technologie genannt, entwickelt Biotech-Prozesse mit lebenden Zellen oder Enzymen, um Chemikalien, Phar­­mawirkstoffe, Futter­mittelzusätze und viele andere Substanzen aus nach­wach­­senden Rohstoffen zu produzieren. Die Grenze zwi­­schen der roten und weißen Biotechnologie verläuft fließend, denn Medikamente und andere „rote“ Pro­duk­te werden mit Hilfe der weißen Bio­­technologie produziert.

CIB Frankfurt bringt alle Akteure zu­sammen. An der Entwicklung von Bio­­tech-Verfahren für die Gesundheits­wirt­­schaft beteiligen sich Fachleute aus den verschiedensten Bereichen: aus Bio­­­tech­­nologie, Chemie und Genetik, aus Me­­di­­zin, Bioinformatik, Ver­­fah­rens­­technik und anderen Disziplinen. Sie forschen in Industriela­boren, Hoch­schu­­len oder außeruniversitären Instituten; sie ar­­bei­­ten für große Konzerne oder für kleine Start­ups. Essenziell für die Branche sind zudem Investoren, die gute Geschäftsideen mit Kapital un­­ter­­stützen.

Sie alle müssen an einem Strang ziehen, damit die Biotechnologie ihr Po­­tenzial entfalten kann. Dazu leistet der hessische Cluster Integrierte Bio­in­dus­trie (CIB) Frankfurt einen entscheidenden Beitrag, denn er vernetzt Wirtschaft und Wissenschaft, kleine mit großen Unter­­nehmen sowie die Biotech-Branche mit der Finanz­­welt. CIB Frankfurt ging im Jahr 2008 als einer von fünf Gewinnern aus dem Wettbewerb „BioIndustrie 2021“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung hervor. Wir sehen uns als Ansprechpartner der industriellen Biotechnologie, ein lebendiges Netz­­werk ist der Schwerpunkt unserer Arbeit. Die Voraussetzungen dafür sind hierzulande optimal, denn Hessen gehört zu den Pionieren der weißen Biotechnologie.

Über 100 Jahre weiße Biotechnologie in Hessen. Der Apotheker Otto Röhm extrahierte bereits 1907 in Darm­stadt Enzyme aus der Bauchspeicheldrüse von Tieren, um damit umweltfreundlich Leder zu gerben. Heute zählt Hes­­sen zu den führenden Standorten der weißen Bio­tech­no­logie in Deutschland. Schritt­­macher sind dabei die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen wie BRAIN, BioSpring, nadicom, N-Zyme BioTec und AB En­­zymes. Gemeinsam mit den in Hessen ansässigen Bran­­­­chen­­größen der Chemie- und Pharma­in­dus­trie, da­­runter Sanofi-­Aventis, Merck, Evonik und Sandoz, sowie mit den hessischen Hochschulen und Forschungs­ein­rich­tun­­gen decken sie die gesamte Bandbreite der weißen Biotechnologie ab.

Als überregionales Branchentreffen hat sich die jährlich stattfindende CIB Part­­nering Konferenz etabliert, das ideale Forum für Industrievertreter und Wissen­­schaftler, um Kontakte zu knüpfen und die Grundlage für neue Verbundprojekte zu schaffen. An den Förderprojekten von CIB Frankfurt beteiligen sich Unter­­neh­­men aus ganz Deutschland, darunter Sanofi-Aventis, Merck, DSM, BASF und Symrise.
Welche Impulse von Hessen aus­­gehen, zeigte auch der World Con­­gress on Industrial Bio­tech­nol­­ogy & Bioprocessing 2012 in Orlando, USA. In einem Panel, das Dolores Schmitt, Pro­­jektmanagerin beim CIB Frankfurt, organisierte und moderierte, erläuterten die Unter­nehmen Merck, Sanofi-Aventis und Morphosys, wie sie Bio­­­tech-Verfahren kosteneffizienter ge­­stal­­ten und ihr Potenzial weiter ausbauen, etwa um neue Anti-Krebs­mittel herzustellen.

Der SYNMIKRO-Kongress wiederum, den CIB Frankfurt und das Zentrum für Synthetische Mikrobiologie (SYN­MIKRO) jährlich in Marburg veranstalten, hat sich als Fachtagung für Biotechnologen aus ganz Deutschland etabliert. Die Teil­­neh­­merzahlen steigen kontinuierlich. 2012 konnten wir 350 Besucher verzeichnen – 100 mehr als beim ersten SYNMIKRO-Kongress im Jahr 2011. Die große Re­­so­­nanz zeigt sich auch in den immer wie­­der an­­regenden Diskussionen zwischen akademischen For­­schern und Wirt­schafts­­vertretern. Sie machen deutlich, wo Sy­­nergien liegen oder Kooperationen noch vertieft werden müssen.


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Zusammenspiel zwischen Groß­kon­zer­­nen und Startups. Der SYNMIKRO-Kongress 2012 beispielsweise widmete sich dem Thema Antibiotika-Resis­­ten­­zen. Mehrere Refe­­­renten hoben hervor, dass sich viele große Pharmakon­zerne be­­reits aus der Entwicklung von neuen Anti­­bio­­tika zurückgezogen haben, weil ihnen der Forschungs­auf­­wand zu hoch und daran gemessen die Umsatz­erwar­tun­gen zu niedrig sind. Da neue Antibiotika aber dringend er­forderlich sind, um Infek­tions­­krankheiten in den Griff zu bekommen, ist das Engagement von kleineren Bio­­tech-Unternehmen und Forschungs­­insti­­tuten umso wichtiger. Das gilt ebenso für die Entwicklung von Medikamenten gegen seltene Leiden oder Krankheiten, die vorwiegend in den ärmeren Ländern der Erde auftreten. Auch hier forschen Biotech-Unternehmen und akademische Insti­tute in einer Nische, in der Phar­­ma­­konzerne kaum aktiv sind. Spätestens dann aber, wenn vielversprechende Wirk­­stoffkandidaten in klinischen Studien oder neue Bio­tech-Verfahren im Indus­­trie­­maß­­stab getestet werden sollen, müssen die großen Unternehmen wieder mit ins Boot geholt werden, denn nur sie verfügen über die dafür erforderlichen finanziellen Mittel sowie über aus­­reichend Labor- und Produktions­kapa­zitäten.

In der weißen Biotechnologie punktet Hessen damit, dass die hier ansässige Biotech-Branche nicht nur for­scht, sondern auch produziert. Der herausragende Pro­­duk­tionsstandort der deutschen Bio­­technologie ist der Industriepark Höchst in Frankfurt. Wo früher der einst weltweit umsatzstärkste Chemie- und Pharma­­konzern Hoechst seinen Sitz hatte, be­­treibt Sandoz, das Generika­­unter­neh­men von Novartis, heute Deutschlands größte Fermenta­tions­anlage. Hergestellt werden hier unter anderem Anti­biotika. Auch die hier von Sanofi-Aventis betriebene Insulin-Produktion hat ihre Wurzeln im ehemaligen Welt­­­unternehmen Hoechst. In Mar­­burg wiederum produziert Novartis Vaccines eine breite Palette an Impf­­stoffen, und in Hanau stellt Heraeus seit dem Jahr 2004 Chemo­thera­­peutika biotechnologisch her.

Investoren-Netzwerk für die weiße Bio­­technologie. Ein weiterer zentraler Bau­­stein des Frankfurter Cluster­kon­­­zep­­tes ist ein Finanzierungs- und Investoren-Netzwerk für Pro­­jek­­te der weißen Bio­­tech­­nologie. Dazu wurde die Inves­­toren­kon­ferenz CIB Invest als Treffpunkt für Un­­ter­­­neh­­mer, Wissenschaftler und Investoren ins Leben ge­­rufen. Den Wert dieser Konferenz hatte etwa der Bio­­ökono­mie-­Experte und ehemalige Direktor der Euro­­päischen Kom­mission, Christian Pater­­mann betont. „Solche Veranstal­tungen, die den Akzent auf die Finanzierung setzen, sind relativ selten, aber sie sind wichtig, denn ohne Investment läuft nichts“. Patermann, der die CIB Invest 2013 moderierte, unterstrich, dass man in der weißen Bio­­technologie neue Wege der Kooperation zwischen den Akteuren entlang der gesamten Wertschöp­­fungs­­kette brauche. Den Grundstein dafür legt CIB Frankfurt mit seinen vielfältigen Veranstaltungen und Netzwerk­aktivitäten.

 

TerzenbachDer Autor ist promovierter Mikrobiologe und hat eine Berufs­aus­bildung zum In­­dustriekaufmann absolviert. Nach ersten Erfahrungen in der Biotechnologie-Bran­­che bei der Lande­sinitiative BioGenTec in Köln ist er seit 1998 für die hessische Wirtschafts­för­derung tätig. Nach Sta­­tio­­nen in Tech­no­­logie, Außenwirtschaft und Standort­marketing leitet er nun den Be­­­reich Bio-Nano-Umwelt bei der HTAI GmbH.