Dr. Anwar-Ul-Haq Ahady: Aufschwung dank Handel – eine globale Herausforderung

In den vergangenen zehn Jahren wies die Wirtschaft Afghanistans trotz eines recht volatilen weltwirtschaftlichen Klimas ein insgesamt hohes Wachstum auf. Dieses Wirtschaftswachstum wurde zunächst maß­­geblich durch die massive Präsenz von internationalen Entwicklungs­organi­sa­­­­tionen und Militär sowie durch die Rück­­kehr der afghanischen Diaspora vorangetrieben. Um das Wachstum aber auf eine dauerhafte, und damit nachhaltige Grundlage zu stellen, bedarf es vor allem verbesserter wirtschaftlicher Rahmen­be­dingungen und – in deren Folge – einer stärkeren Integration Afghanistans in die Weltwirtschaft. Kurzum: Das derzeit noch überwiegend durch Militär- und Geber­ausgaben stimulierte Wirtschafts­wachs­­­tum Afghanistans muss zukünftig durch Exporte vorangetrieben und langfristig selbsttragend werden.

Gemeinsam mit ihren internationalen Partnern arbeitet die Regierung Afgha­nistans intensiv an einer Stärkung des Privat­­sektors und einem verbesserten Zugang zu internationalen Märkten. Dies betrifft zum einen die Märkte in Übersee: Hier werden vor allem mit dem gegenwärtig vorbereiteten Beitritt zur Welthandels­orga­nisation (WTO) verbesserte Marktzugangs­­möglichkeiten erreicht. Darüber hinaus hat Afghanistan als eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt (Least Deve­­loped Countries, LDC) bereits heute zollfreien Zugang zu den Märkten der Euro­päischen Union. Noch größeres Poten­zial verspricht jedoch zumindest mittel­­fristig der sich schon jetzt dynamisch ent­wi­ckelnde regionale Handel mit Partnern und Nachbarn.

Das wirtschaftliche Potenzial Afghanistans ist dabei enorm. Der Landwirtschafts­­sektor, in dem derzeit annähernd 70 Pro­­­zent der Arbeitsplätze konzentriert sind, gehört bereits heute zu den Haupt­­export­­sektoren des Landes. Dieser Sektor hat allerdings noch erhebliches Potenzial für Produktionssteigerungen: sowohl durch verbesserte Anbaumethoden als insbe­­sondere auch durch die intensivierte Weiter­­verarbeitung von Agrarrohstoffen innerhalb Afghanistans. Aber auch in diesem Bereich sind bereits heute Erfolge sichtbar: So haben sich der Anbau und die Verarbeitung von Trockenfrüchten in den vergangenen Jahren derart gut ent­­wickelt, dass diese inzwischen die wichtigste Produktgruppe im formalen Export darstellen – bei weiterhin sehr positiven Perspektiven. Afghanische Trocken­früchte – darunter Rosinen, aber auch verschiedene Nüsse – sind weltweit für ihre Schmack­­haftigkeit und ihre hohe Qualität bekannt, wobei jedoch die Vermarktung derzeit zumeist über Zwischenhändler in den Nach­­barländern (insbesondere Pakistan und Iran) erfolgt. Durch verbesserte direkte Vermarktung, aber auch in Form weiterer Maßnahmen, wie zum Beispiel eine Bio­­­­­zertifizierung, hofft Afghanistan neue Märkte zu erschließen und zugleich alte Märkte wiederzubeleben.

Bild2-KopieSehr gute Chancen weist Afghanistan aber auch im Anbau und Export von ver­­schiedenen Obstprodukten auf. Afgha­nistan profitiert hier von günstigen klimatischen Bedingungen für den Anbau von Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen sowie Granat­­äpfeln, bleibt aber derzeit noch deutlich hinter dem vorhandenen Produktions- und Exportpotenzial zurück. Auch hier bestehen erhebliche Chancen für Investoren.

Ein weiteres traditionelles afghanisches Produkt mit noch nicht ausgeschöpftem Potenzial sind Teppiche. Afghanische Teppiche sind weltweit für ihre attraktiven traditionellen Muster bekannt. Bedauer­licherweise führten die Bürgerkriegsjahre zur Abwanderung vieler Produzenten und Händler ins benachbarte Ausland, zur Unterbrechung von Vertriebswegen – auch jenen nach Übersee – und somit zu massiven Exportrückgängen. Substanzielle Investitionen in Logistik und Transport­infrastruktur sowie der Abbau bürokratischer Handelsschranken nähren aber die Hoffnung, dass Afghanistan in diesem Sektor erneut zum Weltmarktführer aufsteigen kann. Auch hier wird es wichtig sein, neben weiteren Qualitäts­ver­bes­ser­ungen stärker die direkte Vermarktung anzustreben, das heißt Zwischenhändler zu umgehen, um damit mehr Wertschöp­­fung innerhalb Afghanistans zu schaffen.

Die genannten Sektoren allein können jedoch nicht zu jener wirtschaftlichen Stärke führen, die benötigt wird, um die erhöhten Staatsausgaben in Zusammen­hang mit der Übergabe der Sicherheits­­verantwortung an die afghanische Re­­gierung zu decken und die Armut in den Provinzen weiter zu reduzieren. Ohne sub­­stanzielle neue Einnahmequellen wird Afghan­­istan nicht in der Lage sein, dauer­­haft die Staatsdienstleistungen bereitzustellen, die die afghanischen Bürger erwarten. Ein Sektor, der vielversprechendes Potenzial birgt, um maßgeblich zu einer Verbesserung der Staatseinnahmen bei­­zu­­tragen, ist der Bergbausektor. Bereits heute ist Afghanistan in der Förderung und Weiterverarbeitung von Edelsteinen und Halbedelsteinen tätig, allerdings verfügt der gesamte Bergbausektor noch über immenses Wachstumspotenzial. Denn Afghanistan verfügt über natürliche Res­­sourcen im geschätzten Wert von drei Billionen US-Dollar, darunter bedeutende Vorräte an strategischen Rohstoffen wie Kupfer, Lithium und anderen Mineralien, die auch für die europäische Rohstoff­versorgung von großer Bedeutung sind.

Der Bergbausektor verspricht großes Wachstumspotenzial. Voraussetzungen für die Erschließung des Sektors sind die Investitionen in die Infrastruktur.

Der Bergbausektor verspricht großes Wachstumspotenzial. Voraussetzungen für die Erschließung des Sektors sind die Investitionen in die Infrastruktur.

Afghanistan selbst verfolgt das Ziel, einen dynamischen Rohstoffsektor zu entwickeln, der einen wesentlichen Beitrag zur Stabi­­lisierung der afghanischen Wirtschaft sowie Verbesserung der staatlichen Steuer­­einnahmen leisten soll. Voraussetzung für die Erschließung des Sektors sind jedoch substanzielle Investitionen in die Infra­­struktur, vor allem in den Schienenverkehr. Aus diesem Grunde wurden Investitionen in die Infrastruktur als mitentscheidendes Kriterium an die Ausschreibungen für die Erschließung von Rohstofflagerstätten geknüpft. Bleibt die Sicherheitslage mittel­­fristig stabil, wird derzeit davon ausgegangen, dass der Bergbausektor in wenigen Jahren einen substanziellen Beitrag zur Deckung der Finanzierungslücke im afghanischen Staatshaushalt leisten kann.

Bei allem Wachstumspotenzial, das der Bergbausektor verspricht, gilt es aber jene Probleme zu vermeiden, die andere Länder – darunter gerade „Least Developed Countries“ mit hohem Rohstoff­auf­kom­­men – oftmals aufweisen. Tatsächlich kann eine einseitig auf Rohstoffe ausgerichtete Exportpolitik schnell zur so­­ge­­nannten „Dutch Disease“ führen. Das heißt, Exporterlöse aus Rohstoffen ziehen eine signifikante Aufwertung der eigenen Währung nach sich, in deren Folge bisherige Exportprodukte ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit einbüßen und damit nicht mehr exportiert werden können. Da Rohstofferschließung und -export weniger beschäftigungsintensiv sind als die traditionellen und aktuellen Exporte Afghanistans (Teppiche, Trockenfrüchte und andere Agrarprodukte), kann es im Ergebnis gerade im ländlichen Raum zu einem Rückgang von Beschäftigung und einer damit verbundenen Zunahme von Armut kommen. Die afghanische Regie­­rung hat dieses Problem erkannt und strebt daher eine diversifizierte Export­struktur an, in der der Bergbau einen wichtigen, aber nicht den einzigen Export­­sektor darstellt. Den Bergbausektor, der im vergangenen Jahr mit einer Steigerung von 43 Prozent kräftig expandierte, gilt es, in den kommenden Jahren weiter aus­­zubauen. Die dabei fließenden Export­ein­­nahmen sollten nicht ausschließlich für Sicherheits- und andere staatliche Leis­tungen verwendet werden, sondern insbesondere auch für die Stärkung der Wett­­bewerbsfähigkeit anderer Wirt­schafts­­zweige.

Um eine diversifizierte Exportwirtschaft Afghanistans sicherzustellen, sind die Identifizierung und der Ausbau von weiteren Sektoren mit Exportpotenzial unerlässlich. Zu den Sektoren, bei denen das Ministerium für Handel und Industrie entsprechendes Potenzial festgestellt und Aktionspläne für dessen Förderung ausgearbeitet hat, gehören die Kaschmir­­industrie, die Herstellung von Bauma­te­­­­rialien sowie der Abbau von Marmor. Um diese und die Potenziale anderer Sektoren voll ausschöpfen zu können, sind jedoch weitere Investitionen vonnöten. Wir bleiben zuversichtlich, dass die Attraktivität der Investitionsmöglichkeiten in Afgha­­nistan nationale und internationale Unter­nehmer und Investoren mobilisieren wird, sich in stärkerem Umfang als bisher in Afghanistan wirtschaftlich zu engagieren.

Anwarul_Haq_Ahadi-KopieDer Autor wurde 1951 geboren. Er ab­­sol­vierte seinen Bachelor- und Master-Ab­schluss in Wirtschafts- und Politik­wis­sen­schaften an der American University of Beirut im Libanon. Er promovierte in Politik­wissenschaften an der North­western Uni­versity, Vereinigte Staaten. Von 2004 bis 2009 war er Finanzminister. 2009 wurde Dr. Anwar-Ul-Haq Ahady zum Handels- und Industrieminister ernannt.