In den vergangenen zehn Jahren wies die Wirtschaft Afghanistans trotz eines recht volatilen weltwirtschaftlichen Klimas ein insgesamt hohes Wachstum auf. Dieses Wirtschaftswachstum wurde zunächst maßgeblich durch die massive Präsenz von internationalen Entwicklungsorganisationen und Militär sowie durch die Rückkehr der afghanischen Diaspora vorangetrieben. Um das Wachstum aber auf eine dauerhafte, und damit nachhaltige Grundlage zu stellen, bedarf es vor allem verbesserter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen und – in deren Folge – einer stärkeren Integration Afghanistans in die Weltwirtschaft. Kurzum: Das derzeit noch überwiegend durch Militär- und Geberausgaben stimulierte Wirtschaftswachstum Afghanistans muss zukünftig durch Exporte vorangetrieben und langfristig selbsttragend werden.
Gemeinsam mit ihren internationalen Partnern arbeitet die Regierung Afghanistans intensiv an einer Stärkung des Privatsektors und einem verbesserten Zugang zu internationalen Märkten. Dies betrifft zum einen die Märkte in Übersee: Hier werden vor allem mit dem gegenwärtig vorbereiteten Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) verbesserte Marktzugangsmöglichkeiten erreicht. Darüber hinaus hat Afghanistan als eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt (Least Developed Countries, LDC) bereits heute zollfreien Zugang zu den Märkten der Europäischen Union. Noch größeres Potenzial verspricht jedoch zumindest mittelfristig der sich schon jetzt dynamisch entwickelnde regionale Handel mit Partnern und Nachbarn.
Das wirtschaftliche Potenzial Afghanistans ist dabei enorm. Der Landwirtschaftssektor, in dem derzeit annähernd 70 Prozent der Arbeitsplätze konzentriert sind, gehört bereits heute zu den Hauptexportsektoren des Landes. Dieser Sektor hat allerdings noch erhebliches Potenzial für Produktionssteigerungen: sowohl durch verbesserte Anbaumethoden als insbesondere auch durch die intensivierte Weiterverarbeitung von Agrarrohstoffen innerhalb Afghanistans. Aber auch in diesem Bereich sind bereits heute Erfolge sichtbar: So haben sich der Anbau und die Verarbeitung von Trockenfrüchten in den vergangenen Jahren derart gut entwickelt, dass diese inzwischen die wichtigste Produktgruppe im formalen Export darstellen – bei weiterhin sehr positiven Perspektiven. Afghanische Trockenfrüchte – darunter Rosinen, aber auch verschiedene Nüsse – sind weltweit für ihre Schmackhaftigkeit und ihre hohe Qualität bekannt, wobei jedoch die Vermarktung derzeit zumeist über Zwischenhändler in den Nachbarländern (insbesondere Pakistan und Iran) erfolgt. Durch verbesserte direkte Vermarktung, aber auch in Form weiterer Maßnahmen, wie zum Beispiel eine Biozertifizierung, hofft Afghanistan neue Märkte zu erschließen und zugleich alte Märkte wiederzubeleben.
Sehr gute Chancen weist Afghanistan aber auch im Anbau und Export von verschiedenen Obstprodukten auf. Afghanistan profitiert hier von günstigen klimatischen Bedingungen für den Anbau von Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen sowie Granatäpfeln, bleibt aber derzeit noch deutlich hinter dem vorhandenen Produktions- und Exportpotenzial zurück. Auch hier bestehen erhebliche Chancen für Investoren.
Ein weiteres traditionelles afghanisches Produkt mit noch nicht ausgeschöpftem Potenzial sind Teppiche. Afghanische Teppiche sind weltweit für ihre attraktiven traditionellen Muster bekannt. Bedauerlicherweise führten die Bürgerkriegsjahre zur Abwanderung vieler Produzenten und Händler ins benachbarte Ausland, zur Unterbrechung von Vertriebswegen – auch jenen nach Übersee – und somit zu massiven Exportrückgängen. Substanzielle Investitionen in Logistik und Transportinfrastruktur sowie der Abbau bürokratischer Handelsschranken nähren aber die Hoffnung, dass Afghanistan in diesem Sektor erneut zum Weltmarktführer aufsteigen kann. Auch hier wird es wichtig sein, neben weiteren Qualitätsverbesserungen stärker die direkte Vermarktung anzustreben, das heißt Zwischenhändler zu umgehen, um damit mehr Wertschöpfung innerhalb Afghanistans zu schaffen.
Die genannten Sektoren allein können jedoch nicht zu jener wirtschaftlichen Stärke führen, die benötigt wird, um die erhöhten Staatsausgaben in Zusammenhang mit der Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die afghanische Regierung zu decken und die Armut in den Provinzen weiter zu reduzieren. Ohne substanzielle neue Einnahmequellen wird Afghanistan nicht in der Lage sein, dauerhaft die Staatsdienstleistungen bereitzustellen, die die afghanischen Bürger erwarten. Ein Sektor, der vielversprechendes Potenzial birgt, um maßgeblich zu einer Verbesserung der Staatseinnahmen beizutragen, ist der Bergbausektor. Bereits heute ist Afghanistan in der Förderung und Weiterverarbeitung von Edelsteinen und Halbedelsteinen tätig, allerdings verfügt der gesamte Bergbausektor noch über immenses Wachstumspotenzial. Denn Afghanistan verfügt über natürliche Ressourcen im geschätzten Wert von drei Billionen US-Dollar, darunter bedeutende Vorräte an strategischen Rohstoffen wie Kupfer, Lithium und anderen Mineralien, die auch für die europäische Rohstoffversorgung von großer Bedeutung sind.

Der Bergbausektor verspricht großes Wachstumspotenzial. Voraussetzungen für die Erschließung des Sektors sind die Investitionen in die Infrastruktur.
Afghanistan selbst verfolgt das Ziel, einen dynamischen Rohstoffsektor zu entwickeln, der einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung der afghanischen Wirtschaft sowie Verbesserung der staatlichen Steuereinnahmen leisten soll. Voraussetzung für die Erschließung des Sektors sind jedoch substanzielle Investitionen in die Infrastruktur, vor allem in den Schienenverkehr. Aus diesem Grunde wurden Investitionen in die Infrastruktur als mitentscheidendes Kriterium an die Ausschreibungen für die Erschließung von Rohstofflagerstätten geknüpft. Bleibt die Sicherheitslage mittelfristig stabil, wird derzeit davon ausgegangen, dass der Bergbausektor in wenigen Jahren einen substanziellen Beitrag zur Deckung der Finanzierungslücke im afghanischen Staatshaushalt leisten kann.
Bei allem Wachstumspotenzial, das der Bergbausektor verspricht, gilt es aber jene Probleme zu vermeiden, die andere Länder – darunter gerade „Least Developed Countries“ mit hohem Rohstoffaufkommen – oftmals aufweisen. Tatsächlich kann eine einseitig auf Rohstoffe ausgerichtete Exportpolitik schnell zur sogenannten „Dutch Disease“ führen. Das heißt, Exporterlöse aus Rohstoffen ziehen eine signifikante Aufwertung der eigenen Währung nach sich, in deren Folge bisherige Exportprodukte ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit einbüßen und damit nicht mehr exportiert werden können. Da Rohstofferschließung und -export weniger beschäftigungsintensiv sind als die traditionellen und aktuellen Exporte Afghanistans (Teppiche, Trockenfrüchte und andere Agrarprodukte), kann es im Ergebnis gerade im ländlichen Raum zu einem Rückgang von Beschäftigung und einer damit verbundenen Zunahme von Armut kommen. Die afghanische Regierung hat dieses Problem erkannt und strebt daher eine diversifizierte Exportstruktur an, in der der Bergbau einen wichtigen, aber nicht den einzigen Exportsektor darstellt. Den Bergbausektor, der im vergangenen Jahr mit einer Steigerung von 43 Prozent kräftig expandierte, gilt es, in den kommenden Jahren weiter auszubauen. Die dabei fließenden Exporteinnahmen sollten nicht ausschließlich für Sicherheits- und andere staatliche Leistungen verwendet werden, sondern insbesondere auch für die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit anderer Wirtschaftszweige.
Um eine diversifizierte Exportwirtschaft Afghanistans sicherzustellen, sind die Identifizierung und der Ausbau von weiteren Sektoren mit Exportpotenzial unerlässlich. Zu den Sektoren, bei denen das Ministerium für Handel und Industrie entsprechendes Potenzial festgestellt und Aktionspläne für dessen Förderung ausgearbeitet hat, gehören die Kaschmirindustrie, die Herstellung von Baumaterialien sowie der Abbau von Marmor. Um diese und die Potenziale anderer Sektoren voll ausschöpfen zu können, sind jedoch weitere Investitionen vonnöten. Wir bleiben zuversichtlich, dass die Attraktivität der Investitionsmöglichkeiten in Afghanistan nationale und internationale Unternehmer und Investoren mobilisieren wird, sich in stärkerem Umfang als bisher in Afghanistan wirtschaftlich zu engagieren.
Der Autor wurde 1951 geboren. Er absolvierte seinen Bachelor- und Master-Abschluss in Wirtschafts- und Politikwissenschaften an der American University of Beirut im Libanon. Er promovierte in Politikwissenschaften an der Northwestern University, Vereinigte Staaten. Von 2004 bis 2009 war er Finanzminister. 2009 wurde Dr. Anwar-Ul-Haq Ahady zum Handels- und Industrieminister ernannt.