Dr. Alexander Wrabetz: Filmindustrie – Wirtschaftsfaktor und Differenzierungsmerkmal

Rund 100 Millionen Euro für österreichische Produktionen, acht Millionen Euro für den österreichischen Kinofilm, rund 20 öster­­reichische TV- und Kinofilmproduktionen sowie 100 heimische Serien- und Reihen­­­episoden jährlich im ORF: Allein diese Zahlen beweisen, wie ernst der ORF als Public Broadcaster seine gesellschaftliche Aufgabe als größter heimischer Film­­produzent und Arbeitgeber in der Film­in­dustrie nimmt. Wir liefern damit jedes Jahr ein klares Statement für die Stärkung des Filmstandorts Österreich ab. Mit Erfolg: Internationale Aus­zeich­nungen für vom ORF kofinanzierte Werke wie ein Oscar für Stefan Ruzowitzkys „Die Fälscher“ und die Goldene Palme von Cannes für Michael Hanekes „Das weiße Band“ unterstreichen die Wertigkeit des österreichischen Filmschaffens.

Österreichs Filmindustrie ist größenmäßig etwa mit jener aus Dänemark zu vergleichen – mit einem wesentlichen Unter­­schied: Produzieren die Dänen für einen autochtonen Sprachraum, ist die österreichische Produktion im größeren deutschen eingebettet. Die heimische Pro­duk­tions­wirtschaft ist also der gleichen Kompetitivität wie die deutsche ausgesetzt, allerdings ohne die Refinanz­ierungs­möglichkeiten unseres Nachbarn. Pro­du­­zieren wir für das gleiche Geld pro Filmminute für acht Millionen Öster­reicher, produzieren die Deutschen für 82 Milli­onen UND die acht Millionen Österreicher. Wir haben also alle Nachteile des großen Marktes, können aber dessen Vorteile nicht nutzen. Jedes Jahr ziehen die Werbe­­fenster der deutschen Konkurrenz­sender 350 Millionen Euro aus Österreich ab, ohne spezifische Programmleistungen für Österreich anzubieten.


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Angesichts dieser Ausgangslage setzen wir auf genuin österreichische Qualität: Das macht uns unverwechselbar gegen­­über der Konkurrenz, das generiert nach­­haltigen Publikumszuspruch – wie etwa die eigenproduzierte ORF-Kultkrimiserie „Schell ermittelt“ beweist.

Als Rundfunk der Gesellschaft vermitteln wir Österreich und unterscheiden uns dadurch auch von den heimischen Kom­­merz­sendern. Unser Ziel ist es, Geschich­­ten mit Figuren zu erzählen, die auf diese Art und Weise nur in Österreich stattfinden können. Die österreichische Iden­­tität hängt zu­­sammen mit der Kultur, der Geschichte, mit der Sprache, mit der Topografie – ja sogar mit dem Wetter, zum Beispiel bei alpinen Dramen. Wir machen Pro­gramm für unser Publikum, für Menschen, die wir respektieren. Als öffentlich-rechtlicher Sender sind wir der Gesamtheit Öster­­reichs verpflichtet und investieren mit jeder einzelnen Produktion in die Medien­­qualität der Zukunft.
Selbstverständlich ist unser Engagement bei Film und Serie auch eine Leistung zum Erhalt und zur Förderung des Wirt­­schaftsstandorts Österreich. Unsere Er­­folg­­­serie „Der Winzerkönig“ mit Harald Krassnitzer steht hier pars pro toto für die wirtschaftliche Belebung: Während der Dreharbeiten wurde monatelang in die Infrastruktur der Region Rust am Neusiedlersee investiert: Transport, Ver­­pflegung, Unterkunft (und das für ein großes Filmteam über einen längeren Zeit­­raum hinweg), Logistik, die Beratung in önologischen Fragen, Motivsuche – all das belebt die Wirtschaft der Region unmittelbar. Der Mehrwert der gesteigerten Bekanntheit der ostösterreichischen Region über die Landesgrenzen hinaus ist einer der nachhaltigen Effekte der Serien­­produktion des ORF.


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Wie dieses eine Beispiel zeigt, hat der ORF als Teil der nationalen Ökonomie als Produzent, Kulturveranstalter und Auf­­trag­­geber über seine rein publizistische Funktion hinaus immer versucht, den Wirtschaftsstandort zu stärken und somit einen Teil der Leistungen zurückzugeben, die die Gesellschaft zu Recht vom ihm ein­­fordert: nicht nur als Programman­bieter mit den produzierten Filmen und Serien österreichische Authentizität ab­­zu­­bilden und Identität zu stiften, sondern auch als Teil des Gefüges Mehrwert im Sinne eines Engagements für die Allgemeinheit zu liefern. So ist der ORF der größte Auftraggeber der heimischen Kreativ- und Filmindustrie. Er schafft und erhält somit Tausende von Arbeits­plätzen und ist untrennbar mit der heimischen Wirtschaft und dem Medien­stand­ort Österreich verbunden.

wrabetz1_2011_ok-KopieDer 1960 geborene Autor promovierte in Rechtswissenschaften. Auf Tätigkeiten unter anderem bei der Girozentrale und Bank der Österreichischen Sparkassen folgten Positionen bei der Österreichischen Industrieholding AG (ÖIAG), voestalpine sowie der Vamed Gruppe. 1998 wurde Dr. Wrabetz zum kaufmännischen Direktor des ORF bestellt, seit 2007 ist er ORF-Generaldirektor. In dieser Funktion wurde er 2011 bestätigt.