Dipl.-Kfm. Sven Clasen: Mit effizienten Kompetenzclustern zum Erfolg

Städte und Regionen stehen immer stär­­ker im Wettbewerb um Investoren und Ar­beitsplätze. Der Standort und die Rah­­menbedingungen – beispielsweise die Kooperationsmöglichkeiten, die ein Unternehmen vorfindet – sind ein zentra­­ler Wettbewerbsfaktor. Das Vorhan­den­­sein von Netzwerkstrukturen hat in den letzten Jahren eine immer größere Be­­deutung erlangt. Dies wurde von der Wirt­schaftsförderung Wiesbaden früh als Chance und Aufgabe erkannt. Ziel ist es, mit verschiedenen Maßnahmen das Ko­­operationsverhalten der Unternehmen zu unterstützen und Netzwerke zu fördern. Neben den klassischen Aufgaben der Wirtschaftsförderung, wie Ansied­lungs­­akquise, Bestandspflege und Stand­­ort­­marketing, ist die Initiierung und Be­­glei­­tung von Prozessen zur Netzwerk- und Clusterbildung ein Schwerpunkt der Ar­­beit der Wirtschaftsförderung geworden.
Waren die räumlichen Bedingungen für die Clusterbildung und -entstehung frü­­her durch natürliche Ressourcen wie bei­­spiels­­weise Bodenschätze oder Küs­­ten­­lage be­­stimmt, so spielen heute die­­se Faktoren eine eher nachrangige Rolle. Begüns­ti­gen­­de Faktoren sind nun das Vorhandensein von qualifiziertem Fach­­personal, Hoch­schulen, Forschungs­ein­­richtungen oder spezialisierten Dienst­leistern. Die Un­­ter­­stützung des Koope­ra­­tionsverhaltens von Unternehmen über die Clusterförderung macht den Stand­ort attraktiv für weitere Ansiedlungen in Branchen und Wert­schöp­­fungsket­ten. Die Unternehmen profitieren zumeist vom ausgezeichneten Ruf ihrer Stand­or­­­­te und entwickeln sich oft dy­­na­­mi­scher als an anderen Standorten – so die Er­­geb­nis­­se verschiedener Cluster­studien.

Die Entstehung von Clustern und Netz­werken lässt sich durch die kommunale Wirtschaftspolitik erheblich beeinflus­­sen, was sich deutlich am Beispiel der Aktivitäten Wiesbadens in den Berei­chen Consulting und Logistik ablesen lässt. Die Landeshauptstadt ist heute überre­gional als Kompetenzträger für Dienst­leistungscluster bekannt und vom Land Hessen im Rahmen eines Clusterwett­bewerbs auch für ihre Aktivitäten ausgezeichnet worden.

 

Bereits seit einigen Jahren existiert das Kompetenznetz Consulting (KNC). Con­­­­sul­ting ist eine der wichtigen Schlüssel- und Wachstumsbranchen in Wiesba­den. Die Stadt hat exzellente Voraus­set­zun­gen zur Clusterbildung in dieser Bran­che über die Anbieter und Abnehmer­struk­­tur in der Region, das Potenzial an qua­­­­li­­­fizier­ten Ar­­beitskräften, über die brei­­­­te Hoch­­schul­landschaft und die her­­vor­­­­­ra­­gende Ver­kehrsinfrastruktur, die schnel­­­­­­le Verbin­dungen in die ganze Welt bietet.
Das KNC ist heute ein Zusammenschluss von „consultants“ auf lokaler und regio­­naler Ebene.

Der Ursprung geht zurück auf die Er­­geb­­nisse der im Jahr 2001 durchgeführ­ten Analyse zum Wirt­schafts­­stand­ort Wies­­baden. Gefördert wird die Zu­­sam­men­ar­­beit großer Consulting­un­ter­neh­men mit kleineren Spezialanbie­tern. Ko­­­ope­ra­tions­­partner sind Unter­neh­­men und Institu­tionen, wie zum Bei­spiel die Eu­­ropean Business School (EBS), Arthur D. Little, Plenum AG, network consulting Rheinmain e.V. und die Ex­istenz­grün­dungsagentur EXINA e.V. Die Wirt­schafts­­förderung Wiesba­den hat dabei die Lei­­­­tung für die ge­­sam­­te Rhein-Main-Re­­gion. Dazu wurde sie von der Re­­gio­nal­kon­­ferenz beauftragt. Der für Wies­ba­den er­­­stellte Masterplan diente als Grund­lage und lieferte den Know-how-Trans­fer. Die Partner in der Region – Frank­­furt, Bad Homburg und Eschborn – ent­­wi­ckel­ten daraufhin standortspezi­fische Initia­ti­­ven.

Mit den bisher erreichten Zielen kann sich das Kompetenznetz Consulting se­­hen las­­­­sen: 600 eingetragene Mitglie­der, regel­­­mäßige Treffen auf lokaler und re­­­­gio­na­­­ler Ebene und ein Consulting-Lehr­­­­stuhl an der European Business School. Das KNC hat Erfolgsgeschichte ge­­schrie­­­­­­ben und einen deutlichen Bei­­trag zur Ver­­net­zung innerhalb der Bran­­che ge­­leistet.

Auch im Bereich Logistik hat Wiesbaden die Weichen für die Zukunft gestellt: Seit 2005 widmet sich das Supply Chain Ma­­n­­agement Institute (SMI) an der Euro­pean Bu­­siness School im Auftrag der Wirt­schafts­­förderung Wiesbaden dem Thema Logistik und Logistikwissen.

Wiesbaden ist ein besonders starker Dienst­­leistungsstandort. Auf wissens­orientier­­ten Dienstleistungen liegt da­­bei ein deut­­licher Schwerpunkt. Diese spielen eine beson­­de­­re Rolle in Zu­­sam­­­menhang mit der zu­­neh­­menden Be­­deu­tung von Logis­­tik, Ein­kauf und Supply Chain Manag­­e­ment in globa­­len Be­­schaf­fungs-, Produk­tions- und Dis­­tributions­netz­werken. Die Verbindung der beiden Wachstums­fel­der „Logistik“ und „Wis­sen“ als strategische Positio­nierung Wies­ba­­dens lag also nahe.

Dabei wurde der Aufbau der Initiative „Lo­­gistik RheinMain“ mit einem in­­no­va­ti­­ven Arbeitsmarktprojekt kombiniert. Die per­­so­­nellen Ressourcen für die Ge­­schäfts­­­stel­­le von Logistik RheinMain wur­­den aus Pro­­jektmitteln zur Integra­tion von Arbeits­­losen in den ersten Ar­­beits­markt zur Ver­­fügung gestellt. Die wissen­­schaftliche Leitung hat das SMI.
Wiesbaden ist wesentlicher Bestandteil des Logistikstandortes Rhein-Main. Ak­­tiv wird seit 2007 auch der Aufbau der län­­derübergreifenden Clusterinitiative Lo­­gis­­tik RheinMain gefördert, die von Frank­­furt über Wiesbaden und Mainz bis nach Darm­stadt und Aschaffenburg reicht. Das Ziel ist es, die Region als Lo­­gistik­standort von globaler Bedeu­tung zu profilieren.

 

Ein weiteres deutliches Signal für die Re­­gion wurde aktuell mit dem Start­schuss für das neue House of Logistics and Mo­­bi­­lity (HOLM) gesetzt. Das HOLM – an­­ge­­sie­­delt am Flughafen Frankfurt – ist angelegt als einzigartiges Koopera­tions­modell zwi­­schen Hochschulen, Wirt­schaft und öffent­­licher Hand. An­­wen­dungs­orien­­tierte For­­schung und Pro­jekt­arbeit rund um Lo­­gis­­tik und Mo­­bilität werden zu den Aufga­ben gehören. Die Landes­haupt­­stadt Wies­­ba­­den gehört zu den Gründungs­mit­glie­dern des HOLM.

Um die bestehenden Stärken der Lan­­des­­hauptstadt und der Rhein-Main-Re­­gion im Bereich Industrie- und Dienst­leis­tungs­­clus­­ter systematisch zu erforschen und aus­­zu­­bauen, plant Wiesba­den gemeinsam mit dem Supply Chain Ma­­nage­ment Institute der Euro­pean Bu­­siness School den Aufbau ein­­es „Centers for Cluster und Competitive­ness“ (WI3C).
Durch die pra­­xis­­orientier­te Forschung des WI3C, durch Aus- und Weiterbildung sowie durch Ini­­tia­­tiven, Pro­­jekte und Veranstaltungen in Zu­­kunfts­branchen wie Logistik, Gesund­heits­­we­sen, Kre­a­tivwirtschaft oder Pro­­fes­sio­­nal Services sollen Wiesbaden und das Rhein-Main-Gebiet strategisch positioniert und die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig ge­­­stärkt werden.

Der Erfolg des Kompetenznetzes Con­sul­ting und von Logistik RheinMain bestätigt die Vorreiterrolle Wiesbadens bei der Ent­wick­­lung von Netzwerk­struk­­tu­ren. Erwartet wer­­den damit auch positi­­ve Ef­­fekte für die Beschäftigung, sei es über erfolgrei­­che Beschäftigungs­för­de­­rungs­­maßnah­men im Rahmen eines Pro­jek­tes oder über An­­sied­­lungseffekte. Lang­fris­­tig investiert Wies­­baden in ein zu­­kunfts­­­weisendes Thema zur nachhaltigen Si­­cherung der Wirt­schafts­­kraft und der Beschäftigung.

2406_Herr-Clasen_-NEUDer 1963 geborene Autor studierte nach seiner Ausbildung zum Hotel­fach­mann Wirtschaftswissenschaften. Nach ver­schie­­­denen Positionen in der freien Wirt­­schaft, am Univer­si­täts­­klinikum Gie­ßen sowie im Hes­si­schen Ministe­rium für Wis­­senschaft und Kunst ist er seit Januar 2008 Leiter des Amtes für Wirt­schaft und Liegenschaften der Lan­des­haupt­stadt Wiesbaden.