Dipl.-Ing. Jürgen Reinholz: Kooperationen und Netzwerke – Eine effektive Strategie für den Mittelstand

Thüringen knüpft an seine Tradition als leistungsstarker Wirtschaftsstandort in der Mitte Deutschlands und Europas an. Das Jahr 2006 hat gezeigt, die Thüringer Wirtschaft bleibt auf Wachs­tumskurs. Mit einem Wirtschafts­wachs­tum von 3,1 Prozent liegt Thüringen auf Platz drei aller Bundesländer. Der Wachstums­motor ist die Thüringer In­dustrie: Mit 10,9 Pro­zent wurde er­neut ein überdurchschnittliches Wachs­tum der Brut­towert­schöpfung verzeichnet.

Diese positive Entwicklung ist umso mehr hervorzuheben, weil sie von einer Wirtschaftsstruktur getragen wird, die nach wie vor von kleinen mittelständischen Betrieben dominiert wird. 87 Pro­zent der Unternehmen haben weniger als zehn und etwa 97 Prozent weniger als 50 Beschäftigte. Nur 0,3 Pro­zent der Unternehmen sind Groß­unter­neh­men mit mehr als 250 Beschäftigten. In einem Umfeld kleinbetrieblicher Wirt­schaftsstrukturen gestalten sich die Entwicklungs­mög­lichkeiten mittelständischer Unter­nehmen schwierig. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) haben aufgrund ihrer zumeist begrenzten personellen, technischen und finanziellen Aus­stattung zahlreiche Heraus­forderungen zu meistern. Typische Pro­blemfelder sind das An­­werben von qualifiziertem Personal und der Zugang zu speziellem Know-how. Außerdem sind in vielen KMU eigene Forschung und Entwicklung sowie die stetige Moder­nisierung der Produkt­palette unter­nehmerisch oft kaum im Allein­gang zu realisieren. Auch der Zugang in gefestigte, etablierte Markt­strukturen und das Eindringen in neue Märkte ist für viele Unternehmen nicht einfach.

Vor diesem Hintergrund haben sich unternehmerische Kooperationen und Netzwerke strategisch als wirksam er­wiesen. Vor allem projektbezogene Ko­­operationen gehören mittlerweile längst zum Alltag vieler Unternehmen. Durch Kooperationen und Netzwerke können betriebs­größenbedingte Nach­teile überwunden werden. Das ermöglicht wiederum kleinen Unternehmen, mit innovativen Produkten, Verfahren und Dienstleistungen Marktanteile zu gewinnen.

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Kooperationen und Netzwerke liegen da­­­bei nicht nur im Interesse der Unter­neh­­men, sie sind Gebot einer modernen Wirtschaftspolitik. Denn sie helfen, Kräf­­te zu bündeln und regionale Ent­wick­lungspotenziale besser auszunutzen. Sie unterstützen die Heraus­bil­dung wettbewerbsfähiger Cluster. Ver­netzte Unternehmen und Institutionen konzen­trieren sich regional in einem speziellen Technologie- oder Anwen­dungs­­feld. Dieses gebündelte Know-how schafft in einer ansonsten kleinteiligen Wirt­schafts­­­struktur oft erst die kritische Mas­­se, um als Region für weitere Unter­neh­mens­an­sied­lungen interessant zu sein.

Es ist nicht die Aufgabe des Staates, unternehmerische Kooperationen selbst zu diktieren oder zu erzwingen. Durch die Wirtschaftspolitik können aber Rahmen­bedingungen und Anreize für Kooperatio­­nen und für den Aufbau unternehmerischer Netzwerke gesetzt werden. Das kann beispielsweise die Unter­stützung von Applikations- und Gründerzentren und einer anwender­orientierten In­fra­struktur für For­schung und Entwicklung (FuE) sein. Außerdem ist es wirt­­schafts­politisch zweckmäßig, zu­kunfts­­trächtige Wirt­schafts­bereiche mit einer zielgerich­teten Organisations- und Tech­­­­­no­logieför­derung zu stärken. Eine gut aus­­gebaute Bildungsinfrastruktur aus Uni­­ver­si­tä­ten, Hochschulen und For­schungs­­­ins­tituten bietet den Unter­neh­men da­rüber hinaus Potenzial an gut ausgebildeten Fach­­kräften in der Region und Zugang zu FuE.

Beim Themenbereich Netzwerke und Cluster fällt der Blick in Thüringen primär auf die Technologieregion Erfurt-Weimar-Jena-Ilmenau. Dabei ist die Stadt Jena – als Kompetenzzentrum in den Bereichen Optik, Medizintechnik, Bioins­trumente, Solar und Software – ein Thü­­ringer Aushängeschild. Aber auch in der Peripherie dieser Kernregion ist viel in Bewegung gekommen; zum Beispiel im Eisenacher Raum mit der Automobilzu­lieferindustrie oder in der Region Schmal­­kalden-Meiningen mit dem Schwerpunk­ten Fertigungs­technik und Metallbear­bei­tung.
Wenn heute von Netzwerken die Rede ist, geht es nicht nur um die unternehmerische Kooperation in Bereichen wie Produktion oder Vermarktung. Ein entscheidender Schwerpunkt liegt in der Zusammenarbeit bei Technologie und Entwicklung. Wobei eine erfolgreiche Zusammenarbeit leistungsfähige Part­ner erfordert – sowohl auf Unternehmens­seite als auch auf Seiten von Wissen­schaft und Forschung.

Förderschwerpunkte in Thüringen
Dementsprechend ist es für die In­no­vations- und Wettbewerbsfähigkeit der Thüringer Wirtschaft eine Voraus­set­­zung gewesen, die Qualität der ange­wand­ten Forschung auf internationales Niveau zu heben. Zur Steigerung des tech­nologi­schen Potenzials der Thürin­ger Wirt­schaft sind außerdem viele junge und innovative Unternehmen staatlich gefördert worden. An Thüringer Universitäten und Fachhochschulen wurden und werden her­­vorragende Naturwissen­schaftler, In­­genieure und Fach­­kräfte ausgebildet. Der Freistaat hat für die damit zusammenhängenden För­­der­maßnahmen in den letzten Jahren erhebliche Mittel auf­­gewandt.
Im 18. Jahr nach der deutschen Wieder­vereinigung kann Thüringen eine leis­tungs­fähige, wirtschaftsnahe For­schungs­­­­landschaft aufbieten:


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• Außeruniversitäre Forschungs­einrich­tungen, in Jena etwa der Beutenberg Campus unter anderem mit den Leib­niz-Instituten für Naturstoff-For­schung und Infek­tions­biologie (Hans-Knöll-Institut) beziehungsweise für Alters­for­­schung (Fritz-Lipmann-Insti­tut), das Ins­­titut für Photonische Techno­logien, das Fraunhofer-Institut für An­gewandte Op­tik und Feinme­chanik und die Max-Planck-Institute für Bio­­geochemie sowie für chemische Öko­logie oder in Ilmenau das Institut für Mikro­elek­tronik- und Mechatronik-Sys­­teme und das Fraun­hofer-Institut für Digitale Medien­tech­nologie,
• Wirtschaftsnahe Forschungsein­rich­tungen wie das Herms­dorfer Institut für technische Keramik, das Thürin­gische Institut für Textil- und Kunst­stoff-Forschung in Rudol­stadt, das Institut für Fügetechnik und Werkstoff­prüfung in Jena oder die Gesellschaft für Fertigungstechnik und Entwicklung in Schmalkalden,
• Universitäten und Hochschulen – wie die Friedrich-Schil­ler-Universität und die Fachhochschule Jena oder die Technische Universität Ilmenau und die Fachhochschule Schmal­­kalden.

Im Projekt „Campus Thüringen“ werden die Kompetenzen aller Thüringer Uni­versitäten und Fachhochschulen zudem gebündelt und vernetzt.

In der Thüringer Forschungslandschaft verschmelzen Tradition und Zukunft. Alte Stärken – Thüringen kann auf Abbe, Zeiss und Schott zurückblicken – auf dem Gebiet der Optik oder des wissenschaftlichen Gerätebaus wurden wiederbelebt und weiterentwickelt. Neue Schwerpunkte sind aufgebaut wor­den. Das gilt beispielsweise für die Bereiche Biotechnologie, Medizin­tech­nik, Mikroelektronik, Medien­technologie oder Umwelttechnik und erneuerbare Energien.

Eine gute Forschungsinfrastruktur zu haben, ist das eine – sie zu nutzen das andere. Der Erfolg unserer Förderpolitik bemisst sich auch daran, ob es gelingt, eine vertrauliche und engagierte Zu­­sam­menarbeit der Unter­nehmen und Forschungs­einrich­tungen untereinander anzuregen.

Ein Schwerpunkt sind die sogenannten „Verbundprojekte“. Mit diesen Projekten sollen gemeinsame Forschungs-­ und Entwicklungsvorhaben von Hochschulen, Forschungsein­richtungen und Unter­neh­men realisiert werden. Ziel ist es einerseits, innovative Problemlösungen für die Wirtschaft direkt zu erarbeiten. Andererseits werden bei Verbund­pro­jekten die Forschungs­einrichtungen und Hochschulen unmittelbar für die Bedürfnisse der Unternehmen und des Marktes sensibilisiert. Es erfolgt also ein Wissens- und Know-how-Transfer in beide Richtungen. Vielfach wird mit Verbundprojekten der Grundstein für langfristige Partnerschaften gelegt. Für beide Seiten entsteht eine „Win-Win-Situation“.

Die staatliche Förderung erschöpft sich nicht in der Unterstützung der Verbund­projekte. Die Weiterführung der For­schungs- und Techno­logie­förderung im Pro­gramm „Thüringen Technologie“ und die Zukunftsinitiative „Exzellentes Thüringen“ mit dem Pro­gramm „Pro Exzellenz“ sind Bausteine zur Stärkung der Innovationskraft der Thüringer Unter­nehmen.

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Netzwerke stärken, Clusterprozess vorantreiben
Ein weiterer Ansatz zur Stärkung der Thüringer Wirtschaftsstruktur ist die unmittelbare Unterstützung von Netz­werken (zum Beispiel durch Förderung von Geschäftsstellen). Die Netzwerk-För­­derung ist ebenfalls ein Schwerpunkt im umfangreichen Programm „Thü­rin­gen Technologie“.

Mittlerweile sind in Thüringen verschiedene Netzwerke etabliert. Diese variieren entsprechend ihrer thematischen Ausrichtung, ihrer Größe und ihres Organisationsgrades. Die etablierten Netzwerke konzentrieren sich nicht nur auf einzelne relevante Themen der Netz­­werkpartner, sie decken darüber hinaus ein breites, anwendungsrelevantes Spek­­trum ab. Dieses Spektrum reicht von der Durchführung von FuE, dem möglichen Technologietransfer über die berufliche Ausbildung und Qualifizierung und die Sicherung des Fachkräftebedarfs bis hin zur Markt­erschließung und Öffentlich­keits­arbeit.

Die Netzwerke vereinen die relevanten Akteure einer Wertschöpfungskette. Sie sind als Rechtsperson konstituiert. Und sie sind zumeist die treibenden Kräfte bei der Herausbildung vollständiger Clus­­ter geworden. Hervorzuheben sind in Thü­­ringen Netzwerke wie OptoNet (optische Technologien), automotive thüringen (Au­­tomobil­zulieferindustrie), PolymerMat (Kunststoff­herstellung und -verarbeitung), SolarInput (Photovoltaik, Solarthermie), BioInstrumente (Bio­tech­nologie/-instrumente) oder Oph­thal­­mo Innovation (Medizintechnik).

Die bestehenden Netzwerke haben den Prozess der Clusterherausbildung nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ vorangetrieben. Dazu zählen die Zu­­sam­­menarbeit der verschiedenen Netz­wer­ke, die Durchführung von Work­shops zu aktuellen technologischen Entwicklun­gen, die Begleitung von FuE-Vorhaben, die Unterstützung von Maß­nahmen der Aus- und Weiterbildung und zur Siche­rung des Fachkräftebedarfs sowie die Ge­­winnung neuer Mitglieder oder auch Messe­auftritte.

Nach den Ergebnissen einer für das Thüringer Wirtschaftsministerium er­­stell­ten Studie kann in Bereichen wie der Optikindustrie oder Kunststoff­verarbeitung in Thüringen bereits von Clustern gesprochen werden. Andere Bereiche wie Automotive, Solar­indus­trie oder Medi­zin­technik haben gutes Potenzial, einen erfolgreichen Cluster­prozess zu bewältigen.

Für die bestehenden Thüringer Netz­werkstrukturen hat die Zusammenarbeit mit anderen Netzwerken – auch bundesländerübergreifend – an Bedeutung ge­­wonnen. Die im Rahmen der „Wirt­schaftsinitiative für Mittel­deutschland“ gegründeten Netzwerke in den Berei­chen Automotive, Chemie/Kunststoffe oder Bio­­technologie/Life Sciences er­­gänzen durch ihre überregionale Zu­sam­­men­arbeit die bisher selbstständigen und regional orientierten Netzwerke. Das schafft kritische Masse und schärft die internationale Wahrnehmung verschiedener Wirtschafts­­schwerpunkte in den ostdeutschen Bundesländern.

In Thüringen haben wir einiges erreicht. Jena – die Stadt der Wissenschaft 2008 – steht heute synonym für Spitzen­tech­nologie, Vernetzung, Dyna­mik, Erfin­der­­geist und Unter­nehmer­tum. Auf der Grund­lage einer langjähri­gen Tech­no­lo­gietradition haben sich seit Beginn der 90er Jahre neue Strukturen herausgebil­det, die dem Standort Thü­rin­gen insgesamt zu neuem internationalem An­sehen verholfen haben. Das Beispiel Jena zeigt dabei, welche Erfol­ge möglich sind, wenn unternehmerische Initiative und wissen­schaftliches Know-how zusammenfinden. Das ist aber nicht allein das Erfolgs­re­zept – notwendig ist genauso eine ziel­ge­rich­tete Förder­politik, die die Rahmen­­be­din­­g­ungen zur Entfaltung des wissen­schaft­­lichen und unternehmerischen Po­­tenzials schafft. Und noch ein weiterer Punkt ist entscheidend: Be­stehende Netz­­werke müssen gepflegt werden. Die Partner der Wissenschaft und aus der Politik, ebenso die Banken sollten die Sorgen und Ideen der Un­­ternehmer ernst nehmen. Es gilt nicht nur Finan­zierungen abzustecken, sondern auch die Entwicklung marktfähiger Produkte gemeinsam voranzutreiben und überhaupt gemeinsam Lösungen bei unternehmerischen Problemen zu erarbeiten. Dahingehend helfen den Thüringer KMU Netzwerk­strukturen. Netzwerke bieten den beteiligten Unter­nehmen größere Chancen und erfolgversprechendere Ent­­wick­lungs­­mög­lich­keiten als sie sich Ein­­­zel­käm­pfer in hart umkämpften Märk­ten erarbeiten können.

Hr-Reinholz_kleiner_neuDer 1954 in Thüringen geborene Au­­tor ist Staatsminister für Wirtschaft, Tech­nolo­­gie und Arbeit des Freistaates Thü­ringen. Jürgen Reinholz hat an der Tech­nischen Hochschule Merseburg Ver­­fahrenstech­nik studiert und arbeitete unter anderem einige Jahre für die Gummiwerke Thürin­­gen, bevor er als Projektleiter und Ge­­schäfts­führer für die Landesent­wicklungs­­­gesell­schaft Thüringen GmbH wirkte.