Digitales Zeitalter folgt auf Neuzeit

Gegen Ende der Neuzeit verändern Männer wie Bill Gates, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg das weltweite Kommunikationsverhalten. Das Digitale Zeitalter hat begonnen. Unsere Wirtschaft und unser gesamtes Lebensumfeld baut auf Big Data. Das noch vor fünf  Jahren zwar verständliche aber harmlos anmutende Wort „Offline“ hat inzwischen eine geradezu bedrohliche Klangfarbe, als sei unsere Existenz dadurch gefährdet.

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Für Bundeskanzlerin Angela Merkel war das Internet mit seinen Auswirkungen auf die Wirtschaft und auf alle Lebensbereiche einst „Neuland“. Wenn der Vorstandssprecher von PriceWaterhouseCoopers, Nobert Winkeljohann, der auch dem Innovationsforum des CDU-Wirtschaftsrates vorsteht, im Rahmen der Eröffnungsrede einer Wirtschaftstagung feststellt, die Digitalisierung verändere „Wirtschaft und Gesellschaft in allen Lebensbereichen in einer unglaublichen Geschwindigkeit“, dann ist das eine bis in den letzten Winkel dieser Erde spürbare Realität. Die Echtzeitkommunikation und digitale Informationsverarbeitung bis hinein in unsere Kühlschränke ist ein derart radikaler Umbruch aller Gesellschaften, dass die von der Reformation, der Aufklärung, der Industrialisierung und zweier global ausgetragener Weltkriege geprägte Neuzeit als abgeschlossen betrachtet werden darf.

 

Digitales Zeitalter beginnt mit der weltweiten Verbreitung der Endgeräte

Mit der Jahrtausendwende war auch die Verbreitung des 1991 als öffentlichen Hypertext-Dienstes eingeführten kommerziellen Internets soweit vorangeschritten, dass die neue technische Revolution letztlich nicht anders konnte, als zunächst die Wirtschaftskommunikation zu beschleunigen, sodann die Märkte bis runter zum Einzelhandel auf die digitale Ebene anzuheben und zuletzt und aktuell jede digitale Handlung eines jeden Menschen zu erfassen, zu analysieren und als wirtschaftlich relevant zu verarbeiten. Auch die ehemals sozialistischen Staaten des Ostblocks wurden nach dem Zusammenbruch des Kommunismus binnen 10 Jahren soweit ans Internet angeschlossen und mit webtauglichen Endgeräten versorgt, dass sie als digitale Märkte relevant geworden sind. Und selbst in den Wüstenregionen Afrikas sind internetfähige Smartphones ein Stück weit Normalität geworden. Diese weltumspannende Versorgung mit Echtzeit-Information und kabelloser Kommunikation ist der Ausgangspunkt einer neuen Welt, die sich nicht in geopolitischen Auseinandersetzungen bemisst, sondern in veränderten Verhaltensweisen und Arbeitsprozessen. Das Digitale Zeitalter ist angebrochen, ist regelrecht über uns hinweggerollt, denn in weniger als einer Menschen-Generation hat sich das Leben grundsätzlich verändert. digital natives empfinden bereits den harmlosen Zusammenbruch von social networks wie facebook oder twitter für nur wenige Stunden als so bedrohlich wie einst beispielsweise die Friedensbewegung der 80er den Nato-Doppelbeschluss.

 

Seit der Jahrtausendwende sind gerade einmal 16 Jahre vergangen. Zu den Hoffnungen dieser Anfangsjahre des Internets zählten mehr Transparenz von Politik und Verwaltung, mehr Auswahl und Transparenz für den Verbraucher und allgemein mehr Information für jedermann. Doch nicht die Bürokratie, die Politik oder die Wirtschaft sind transparenter geworden, der Mensch ist es. Er ist es als Verbraucher, als Reisender, als Informationsnutzer und als Kompetenzträger. Die vom einfachen Nutzer gewünschte Informationsfreiheit ist im Dschungel der digitalen Kommunikation zwischen Kommentierungen und PR stecken geblieben und oft nur noch jenen zugänglich, die gelernt haben, echte Informationen aus der täglichen Datenflut zu selektieren, einzusortieren und zu werten.

 

Datensicherheit und Infrastrukturschutz sind bleibende Herausforderungen

Das neue Zeitalter mag gerade erst begonnen haben und noch viele technologische Innovationen für uns bereithalten, aber eines hat sich offensichtlich nicht verändert: jede Revolution birgt gewaltige Herausforderungen im Schlepptau. Martin Luther war der Ausgang für das Entstehen zahlreicher neuer Konfessionen und Kirchen, aber auch für Entfremdung und für Krieg. Die Industrialisierung brachte technologischen Fortschritt, aber auch den Pauperismus. Zwei Weltkriege brachten eine neue bipolare geopolitische Ordnung der Welt, aber auch die Gefahr eines dritten und dann vielleicht finalen, weil alles zerstörenden Weltkriegs zwischen den beiden Fixpukten Moskau und Washington. Nun also das Internet.

Die ersten Herausforderungen, mit denen wir voraussichtlich noch lange zu kämpfen haben werden, ist die Datensicherheit, die sich viele Internetnutzer erhoffen, sowie die Sicherheit der digital gesteuerten industriellen Produktion und staatlicher Verwaltungssysteme, soweit diese umfänglich vom Funktionieren der digitalen Datenverarbeitung abhängig sind. Der etwa durch einen elektromagnetischen Puls (EMP) oder durch ähnliche, vorsätzlich ausgeführte Angriffe gegen Stromnetze und Hardware verursachte Folgeschaden an Halbleitern und diversen elektronischen Bauteilen kann verheerende Folgen für unsere Industrie 4.0 haben. Natürlich gibt es Sicherungstechnik und Firewalls, aber auch die Gegenseite lebt von der Innovation. Sicherheit bleibt damit auf Dauer eine Herausforderung, die ganze Industriezweige beschäftigen wird.

 

Vom digitalen zum Börsen-Crash ist ein kurzer Weg

Während es also einerseits um den Schutz des Individuums und der Unternehmen vor digitaler Ausspähung geht, kann auf der anderen Seite die Sabotage im worst case-Szenario zu regelrechten Staatsstreichen, zum Abschalten komplexer Produktionsanlagen und zu Marktzusammenbrüchen führen. Der Datenschutz hinkt aufgrund einer einerseits langsamen politischen Debatte und einer andererseits schnellen Entwicklung der digitalen Möglichkeiten hinter der technischen Realität deutlich hinterher.

 

Geopolitik ist dem digitalen Innovationskrieg gewichen

Es mag klingen, aber aus heutiger Sicht sind regionale militärische Konflikten wie in Syrien oder an den Grenzen der Europäischen Union  in der Ukraine sowie der religiöse Terrorismus eine geringere Bedrohung unserer Zukunft als die Wirtschaftsstrategie der US-Amerikaner, die mit niedrigen Energiepreisen, Kapitalstärke und mit der aus dem Silicon Valley innovativ unterfütterten digitalen Vormachtposition auch die deutsche und europäische Großindustrie niederzuringen bemüht ist.

Wenn der EU-Kommissar für digitale Wirtschaft, Günther Oettinger, Unternehmen und Politik auf den 5G-Mobilfunk regelrecht einschwört, dann hat das seine Gründe. Der zukünftige Mobilfunk soll Datenraten von 1 Gigabit pro Sekunde ermöglichen, eine essentielle Grundlage für Big Data und beispielsweise die Weiterentwicklung von Verkehr und Logistik durch selbstfahrende Autos (connected cars & autonomous driving). Die digitale Innovation wird alle Lebensbereiche tief durchdringen und ist somit als Machtfaktor von größerer Bedeutung als rein geopolitische Fragen, auch wenn sich etwa Russland in frühere Verhaltensmuster zurückgefallen ist.Schon der globale Kapitalverkehr hat die klassischen Freund-Feind-Schemata fragmentiert. Die digitale Wirtschaft wird diese Denkstrukturen aus dem Kalten Krieg vermutlich endgültig beseitigen.

Und so lautet das Credo dieser Tage: Wettbewerbsfähigkeit durch Innovation bewahren.  Beispiel Breitbandversorgung. Die Funktechnologie LTE gilt derzeit als Lieferant für Highspeed-Internet. Dennoch wird LTE bereits in Kürze von der Glasfaserversorgung, die bis ins letzte Dorf hinein erfolgt, abgelöst. Nichts ist älter, als die Technik von Morgen, da jene von Übermorgen bereits angedacht ist. Wer sich noch an den stolzen 8-Bit-Heimcomputer C64 , den ZX81 oder an Atari erinnert, der vermag die radikale Kurzlebigkeit von Innovationen zu erfassen, deren historischer Wert heute dem eines Grammophons oder einer Draisine entspricht.

Schon die Entwicklung des weltweiten monatlichen Datenverkehrs zeigt, wohin die Reise in Zukunft geht. 2012 betrug das Datenaufkommen im verkabelten öffentlichen Internet 26,7 Exabyte bzw. 26,7 Milliarden Gigabyte im Monat. Für 2017 wird mit 1,4 Zetabyte gerechnet, davon allein im kleinen Deutschland 38 Exabyte und somit deutlich mehr als 2012 weltweit. Die Verändrung ist auch in den Städten sichtbar, denn während Online-Händler wie Amazon explosionsartige Erfolge erzielen, krabbelt der personalintensive Einzelhandel mit seinen kostspieligen Präsentationsflächen auf den Augenbrauen. Ungenutzte Ladenflächen in Innenstädten sind allgegenwärtig.

 

Vernetztes Haus und autonomer Verkehr kommen als nächste Errungenschaften

Europa liegt im Wettstreit mit den USA und China, der Weltmacht des Copy and Paste-Verfahrens. In diesem neuen Digitalen Zeitalter wird  die analoge Wirtschaft bis auf einen Luxus-Sektor, der die Handarbeit auch in Zukunft wertschätzen wird, beerdigen. Der beste Beleg für diesen Trend sind der schon genannte Einzelhandel aber auch der Mediensektor, der dem veränderten Muster des Verbrauchers in der Informationsgewinnung als erstes zum Opfer gefallen ist.

Die Welt ist nicht so, wie wir sie noch vor 10 bis 15 Jahren kannten. Die Entwicklung von leistungsfähigen Computern und des Internets, von  mobilen Smartphones und Tablets sowie die voranschreitende Vernetzung der mobilen Endgeräte mit Haushaltsinfrastrukturen wie Kühlschrank, Rolladen, Licht, Heizung, Überwachungssysteme sowie die schon genannte Vision vom selbstfahrenden Verkehr mit 44,5 Mio. Kfz in Deutschland wird den Datenverkehr und die Basistechnologien weiter revolutionieren.  Da der deutsche Standort von und für Innovation lebt, sind wir freilich auch halbwegs gut gerüstet.

Das Digitale Zeitalter ist brachial revolutionär und in der Entwicklung so schnelllebig, dass Bundeskanzlerin Angela Merkels Begriff vom „Neuland Internet“ wohl auch in Zukunft nicht völlig deplaziert sein wird.

 

Bernhard Knapstein

Bernhard Knapstein

Der 1967 geborene Autor hat in Köln Jura, Sport und Geschichte studiert. Zwischen 2000 und 2007 hat er in Hamburg als Verbandspressesprecher gearbeitet und bei einer Wochenzeitung volontiert. Bernhard Knapstein ist seit 2007 Chefredakteur des Europäischen Wirtschafts Verlages.