Dieter Wedel: Leuchttürme der Region

Kultur ist ein Kernbereich kommunaler Selbstversorgung. Der Erfolg eines Thea­­ters oder eines jährlich wiederkehrenden Events wie der „Nibelungen-Festspiele“ tragen zur Attraktivität einer Stadt bei. Sie helfen, die Stadt über ihre Grenzen hinaus aufzuwerten und bekannt zu machen, nicht zuletzt können sie die Entscheidung beeinflussen, ob sich Men­schen in einer Stadt niederlassen oder nicht, ob sich Unternehmen ansiedeln, Investitionen tätigen und Arbeitsplätze schaffen. Somit sind solche Veran­stal­tu­n­­­g­en wie die „Nibelungen-Festspiele“, die schon längst nicht mehr nur als Theater wahrgenommen werden, sondern für viele auch ein Ort der Begegnung, der Dis­­kussion, der Besinnung sind, nicht nur ein künstlerischer, sondern auch ein ökono mischer Motor für die Region. Sie geben der Stadt und der ganzen Region ein unver­­wechselbares Profil; sie wirken auch in die Bevölkerung hinein (so entstanden Projekte wie die Nibelungen-Horde) und werden getragen vom Bürgerstolz: „So etwas bringt unsere Stadt zustande!“

In den Medien haben die „Nibelungen-Festspiele“ in den vergangenen zehn Jahren ungewöhnlich große Aufmerksamkeit er­­fahren. Fragten anfangs, wenn ihnen eine Rolle angeboten wurde, manche Schau­spieler noch, wo Worms denn überhaupt liege, so ist das heute allgemein bekannt. Die größten Namen von Film, Fernsehen und Theater kommen gerne nach Worms. Tourismus, Einzelhandel und Gastronomie profitieren genauso von den Festspielen wie das neu erbaute Kultur- und Tagungs­­­zentrum. Die großen deutschen Nach­richten­­­agenturen, regionale und überre­­gionale Zeitungen, auflagenstarke Illus­trier­ten und Magazine, Radiostationen und Internet-Portale ebenso wie sämtliche große Fernsehstationen berichten nicht nur ausführlich von den Premieren und den Vorbereitungen dazu, sondern sie bringen auch immer wieder Zwischen- und Abschlussberichte über die Festspiele. Durch die Medien-Präsenz des Festspiel-­­Intendanten erfahren sie zusätzliche Er­­wähnungen. Im deutschsprachigen Raum gehören sie neben Bayreuth und Salzburg zu den Festspielen, über die am häufig­sten berichtet wird.


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Während sich in der Renaissance Shake­speares Theater noch an alle Zuschauer­schichten wandte, an Könige genauso wie an Bürger, waren im deutschsprachigen Raum Theater und Oper noch 150 Jahre später einem adeligen Publikum vorbehalten. Erst 1769 forderte Gotthold Ephraim Lessing in seiner „Hamburgischen Drama­turgie“ ein Theater für alle, für die ganze Nation, ein „Nationaltheater“ – weg von einer Bühne der fünfaktigen Staats­ak­tio­nen mit mythologisch verbrämten, über­­­­großen Helden – hin zu einem Theater, das das alltägliche Leben und die aktuellen politischen und sozialen Probleme des Publikums aufgreift und spiegelt. 1784 legte Friedrich Schiller in „Die Schau­bühne als eine moralische Anstalt betrachtet“ seine Vorstellung vom Theater als einem Ort der Aufklärung und Bildung vor. Beide Werke lieferten wichtige Impulse zu einem weltweit einzigartigen Kulturschatz: Aus ihrem Geist entstand die deutschsprachige Theaterlandschaft.

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Theater soll „Spiegel sein, die abgekürzte Chronik des Zeitalters“, fordert Hamlet von den Schauspielern. Aber wann geschieht so etwas schon mal? Wer viele Zuschauer erreichen will, heißt es, muss leicht Kon­­­sumier­­bares bieten, Plattes, möglichst immer das Gleiche. Bloß die Zuschauer nicht erschrecken und mit Unerwartetem überfordern! Was beim breiten Publikum ankommt, wird wiederum von denen, die intellektuell etwas auf sich halten, von vorn­­­­herein abgelehnt. Es kann doch nicht kunstfähig sein, was vielen gefällt. Die Alternative scheint dann häufig Schul­­meisterliches zu sein, elitär Verquastes, vom Publikum Abgewandtes.

Steffi_Plattner_als_junger_Friedrich_und_Heinz_Hoenig_als_Obsthaendler_rudolf
Ist es nicht irritierend, wenn über die Thesen von vier bislang ziemlich unbekannten Autoren, die die Schließung der Hälfte aller Museen und Theater vorschlagen, heftiger diskutiert wird als über die meisten Darbietungen eben dieser Institute? An der Debatte, wie viel Kulturförderung die Bundesrepublik sich leisten darf und leisten muss, scheinen sich auch viele zu beteiligen, die seit Jahren kein Museum und kein Theater mehr besucht haben. Wenn doch auch mal ähnlich vehement wieder über Aufführungen diskutiert würde! Wenn die den gesellschaftlichen Wandel reflektieren, Strömungen bewusst machen und zur Besinnung, zur Klärung des eigenen Standpunkts führen könnten! Zu ver­­hindern, dass Kommerzdenken auch noch den letzten Winkel gesellschaftlichen Miteinanders bestimmt, sind Kommunen und Landesregierungen aufgerufen und gefordert.

Die „Nibelungen-Festspiele“ müssen, um überleben zu können, ein breites Pub­­li­­­kum erreichen, aber sie haben das nie versucht, indem sie leicht Konsumierbares boten. Als sich vor beinahe 15 Jahren Stadtrat und Kulturinteressierte fragten, wie man das Profil der Stadt schärfen und mehr Besucher nach Worms locken könnte, war ihnen natürlich bewusst, dass die Stadt über einen besonderen Schatz ver­­fügte: das Nibelungenlied, diese erste große deutsche Dichtung, und den Kaiser­­dom, auf dessen Stufen sich die beiden Königinnen Kriemhild und Brunhild um den Vortritt gestritten haben sollen. Diese Nibelungen-Geschichte in Verbindung mit dem authentischen, magischen Spielort – dem Dom – lieferte ein „Alleinstellungs­merkmal“.

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Auf keinen Fall sollten die Wormser Fest­spiele zu einem weiteren, x-beliebigen Event in der Menge der zahllosen Festspiel-Veranstaltungen verkommen. Sie präsentieren ein klar umrissenes Thema: die Nibelungen-Geschichte mit ihren zahlreichen Interpretationsmöglichkeiten und den Klassiker von Friedrich Hebbel, dieses gewaltige Wortgebirge, spröde zwar, aber immer wieder faszinierend in seinem Reichtum, aus dem sich die verschiedens­­ten Stücke heraushauen lassen. Darüber hinaus ist die Geschichte von Worms verknüpft mit den großen Themen Martin Luther und Reformation, Judentum und dem Staufer-Kaiser Friedrich II, nicht zuletzt mit der Frage: „Was ist das eigent­­­lich – deutsch?“


Frigga-Inga-Busch-Kopie
Nach sechs Jahren „Nibelungen“, nach einer Komödie über einen Unglücklichen, der immer wieder mit dem Helden Sieg­fried verwechselt wird, nach dem erfolg­­reichen Theater-Experiment über den Staufer-­­Kaiser, über den es merkwürdigerweise bislang kein Stück gab („Teufel, Gott und Kaiser“), haben sich die Fest­spiele im vergangenen Jahr wieder deutscher Geschichte gewidmet und dem Judentum.

Sie werden das, nach der überaus erfolg­­­reichen Uraufführung 2011, in einer neuen Stückfassung mit neuen Akzenten und neuem Ensemble 2012 wieder tun. Mit „Das Vermögen des Herrn Süß“, der Ge­­schichte jenes Finanzrats Josef Süß Oppen­­heimer, der nach großer Karriere einem Justizmord zum Opfer fiel und dessen Geschichte von den National­­sozialisten infam verleumdet und für den Hetzfilm „Jud Süß“ missbraucht wurde, kommen die Festspiele vor dem Hinter­grund auf­­­­kommenden Fremdenhasses und einer verstörenden Diskussion über Antisemi­­tis­mus der Forderung Hamlets, nämlich „Spiegel zu sein, die abgekürzte Chronik des Zeitalters“, wohl näher als kaum ein anderes deutsches Theater in diesem Jahr.

Wenn ein Zeitalter zu Ende geht, eine Gesellschaft sich verändert – und an einem solchen Wendepunkt befinden wir uns wohl – sollten Literatur und Theater diese Veränderungen reflektieren, sie den Menschen erklären und ihnen die Angst davor nehmen, eben „Spiegel sein, die abgekürzte Chronik des Zeitalters“.

Dieter-Wedel-@-Rudolf-Uhrig-KopieDer Autor begann seine Laufbahn als Hör­­­spiel­­regisseur bei Radio Bremen, wurde 1967 Hausregisseur beim NDR und machte sich 1970 als Regis­­seur und Pro­du­zent selbstständig. Seit 2002 leitet er die Nibe­­lungen-Festspiele in Worms, zunächst als Regisseur, dann als Intendant. Wedel wurde mit zahl­­reichen Preisen ausgezeichnet, darunter die Goldene Kamera, der Adolf-­­Grimme-Preis, der Goldene Gong, die Goldene Romy und der Bambi.