Christoph Mäder: Mit hohen Innovationsleistungen im internationalen Wettbewerb

Die grösste Exportbranche der Schweiz ist der hier seit mehr als 150 Jah­ren an­­sässige Sektor der chemisch-phar­­ma­zeu­­tischen In­­dus­­trie. In dieser Bran­­che sind in der Schweiz 70.000 Erwerbs­tä­tige beschäf­­tigt, die im Jahr 2006 mit 270.000 Schweizer Fra­n­­ken pro Kopf eine 2,5-mal so hohe Wert­­schöpfung wie die gesamte schwei­­zeri­sche Wirtschaft er­­ar­­beitet haben.

Die Unternehmen dieser Branche ex­­por­­­­tier­­ten im Jahr 2007 Produkte im Wert von 68,8 Milliarden Euro. Das ent­spricht einem Anteil am schweizerischen Ge­­samt­­­­export von 33,4 Prozent.

Dabei entwickelt sich der Bereich Che­mie und Pharma auch dynamisch, wie sich an der durchschnittlichen Steige­rung des jähr­­lichen Exportes von 26 Pro­­zent seit dem Jahr 1980 ablesen lässt. Wäh­­­­rend die schweizerische Ge­­samt­in­dus­­­trie zwi­­schen 1995 und 2007 ein durchschnittliches jährliches Pro­­duk­­­­­tions­­wachs­­tum von 3,7 Prozent auf­­wei­sen konnte, leg­­­ten Che­mie und Phar­­ma Jahr für Jahr be­­­­acht­liche 15,3 Pro­­zent zu. Eine Leis­­­tung, die von den Un­­­­ter­neh­men er­­bracht wer­den konnte, weil sich die Bran­­che in den letz­­ten 30 Jah­ren zu­­­­neh­mend spe­­zia­li­siert hat. Ur­­sprün­­g­­lich breit auf­­ge­stellt, pro­du­zie­ren die Un­­ter­neh­­­men heu­te Phar­­ma­zeu­­ti­ka, Fein­che­mi­ka­­­lien, Vi­­ta­mi­ne, Aro­men und Duft­­­stof­­fe, Pflan­­­zen­­­schutz­mit­­­tel, Pig­men­­­­te, Far­­­ben und La­­cke.
Die Stra­­tegie der Spezialisierung ist einer der Schlüssel zum Erfolg der schwei­­ze­­ri­­schen In­­dus­trie. Schweizer Che­­mie- und Phar­ma­un­ter­nehmen ha­­ben mit ih­­ren hoch­­wertigen Spe­zia­li­tä­­ten­pro­duk­­ten welt­­weite Prä­­senz und oft sogar die Markt­­füh­rer­schaft errungen. Dabei hat es in den letzten Jah­­ren eine deutliche Struk­tur­veränderung in Rich­tung Life Sciences gegeben. Der Be­­reich Pharma, der in­­ner­halb des Sek­­tors Che­mie und Pharma noch 1980 einen Ex­­portanteil von 40 Prozent ausmachte, realisiert heu­­te einen Anteil von über 70 Prozent.

Roche-pharmakokinetischer-Test-mit-Arzneimittelkandidaten

Innovativ wettbewerbsfähig bleiben
Ohne Innovationsfähigkeit kann wirt­schaft­­­liches Wachstum aber auf Dau­er nicht gesichert werden. So erlebt die che­­misch-pharmazeutische Industrie der­­­zeit etwa einen gewaltigen Um­­bruch in der Welt­wirtschaft. Die unerwartet ra­­­­sche Öffnung der osteuropäischen und fernöstlichen Märkte, aber auch die an­­­haltende techno­­logische Re­­vo­lution in der Biotechno­logie und der Gen­tech­nik, in der Informatik und der Te­­­le­­kom­mu­­­ni­kation schaffen ein völlig neues weltwirtschaftliches Um­­feld. Ein Fak­tum, das auch die Un­­ter­neh­men in der Schweiz zur fortgesetzten An­­­pas­­sung und zur Er­­­­haltung und zur Si­­che­rung von Wett­be­werbs­vorteilen und zum Aus­bau der In­­no­va­­tions­fähigkeit zwingt.

In einem Hochlohnland können dies nur In­­ves­ti­tionen in die Forschung und die Ent­­wick­lung innovativer Produkte sein.

So investiert beispielsweise die phar­ma­­­­zeutische Industrie immerhin 18 Pro­­­zent des Umsatzes in Forschung und Ent­­­wick­­lung. Um es noch deutlicher zum Aus­­druck zu bringen: Ein Drit­tel aller In­­ves­­titionen der weltweiten Che­mie- und Phar­­ma­bran­­che in For­schung und Ent­wick­­lung werden von Schwei­zer Unter­neh­men getätigt, ob­­wohl der Anteil Schwei­zer Un­­ter­neh­men an den Welt­märkten gerade einmal zwei Pro­zent be­­trägt.

Mit Erfolg: Zahlreiche schweizerische Un­­­­­ternehmen haben mit einzelnen Pro­duk­­­ten Weltmarktführerschaft erlangt – so etwa Syngenta im Bereich Agri­busi­­ness, Firmenich und Givaudan für Aro­­men und Riechstoffe, Roche, No­­­var­tis und Merck Serono für zahl­rei­che Phar­ma-Pro­duk­te, Lonza für Feinchemikalien so­­wie im Be­­reich der Spe­zialitä­ten­che­mie die Un­­­­ter­neh­men Cla­riant, Ciba und Sika. Die Liste ist keines­wegs ab­­schlie­­ssend.
Gebiete des wissenschaftlich-techni­schen Erfolgs von Schweizer Chemie- und Phar­­­ma-Un­­ter­nehmen liegen bei­­spiels­wei­se auf dem Ge­­biet der Dia­g­nose und Be­­hand­lung von AIDS durch die Ent­wick­­­lung des Me­­di­kaments Fuzeons (Ro­­che), der Brust­­krebs-Therapie mit der Ent­­wick­­lung des Aroma­tasehem­mers Fe­­­ma­ra (No­var­tis) oder auch der Ent­wick­lung von Hoch­leis­­­tungs­­­­farb­stoffen zur op­­ti­schen In­­for­ma­tions­speicherung durch Ciba.

Novartis-Forschung-am-NIBR

Nachhaltigkeit ernst gemeint
Innovativ ist die Branche auch in Sa­­­chen Nachhaltigkeit. Im Bereich der En­­ergie­ef­­fizienz wurden deutliche Ergeb­nisse bei der Reduktion des Energie­ver­­­brauchs erzielt. Trotz der Produktions­stei­ge­run­gen von 200 Prozent zwischen 1993 und 2006 haben die Unternehmen den En­­er­gieverbrauch um zehn Prozent sen­ken können. Die Energieeffizienz hat damit um über 330 Prozent zugenom­men. In der gleichen Zeit konnte der CO2-Aus­stoss um 13,5 Prozent gesenkt werden. Weniger als drei Prozent der schweizerischen CO2-Emissionen stam­­men heu­te von der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Bis 2010 will die Branche die Emissionen gegenüber den Werten des Jahres 1990 um 17 Prozent verringern – und dies bei ei­nem zu er­­wartendem Pro­duk­tions­wachstum von 170 Pro­zent.
Und auch der Emissions-Anteil flüchtiger organischer Substanzen (VOC) kon­n­­te in dem ge­­nannten Zeitraum um über 70 Pro­zent reduziert wer­den und be­­trägt damit weniger als ein Prozent der eingesetzten VOC-Men­ge. Ähnlich güns­­­­tige Kenn­­zah­len kann die chemisch-phar­­mazeutische Industrie der Schweiz beim Verbrauch von Kühl­was­ser und Brauch­­wasser vorweisen. Che­mie und Phar­ma in der Schweiz stellen damit un­­ter Be­­weis: Umweltschutz und Res­sour­cen­scho­­nung ist kein hehres Ziel, sondern der Industrie ein wichtiges An­­lie­gen, das um­­gesetzt wird. Um best­­mög­liche Er­­geb­­nisse für die schweizerische Kli­ma­­po­li­tik erzielen zu können, kommt es je­­doch auch auf die Rahmen­bedin­gun­gen an.

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Die Industrie ist auf klare und ver­läs­s­li­che Rahmenbedingungen angewiesen, wel­­che realistische Ziele vorgeben, aber die Mittel zur Zielerreichung der In­­dus­­­trie überlassen. Produktions­stei­­­ge­run­­­gen müssen weiterhin möglich bleiben, ohne dass dies staatlich sank­­tioniert wird. Die gesamtschweizerische Bran­chen­organisation, die SGCI Che­­mie Phar­­­ma Schweiz, setzt sich mit ihren 250 Mit­­gliedsfirmen dafür ein, innovations­­freundliche Rahmen­be­­­din­­gungen, die Auf­hebung von Han­dels­­be­schrän­kun­gen sowie die Akzeptanz von For­schungs- und Entwick­lungs­er­­­fol­gen durchzusetzen.

Christoph_Maeder_Portrait1Christoph Mäder (Jahrgang 1959) ist Präsident der SGCI Chemie Phar­ma Schweiz. Er war un­ter anderem als Rechts­­konsulent bei der Sandoz International AG und als leitender Rechtskonsulent bei der Novartis International AG tätig. Dort übernahm er 1999 als Leiter den Be­­reich Recht & Public Affairs. Seit No­­vember 2000 ist er Mitglied der Kon­­zern­leitung der Syngenta International AG.