Christiane Bohrer-Martin: Goethe-Institut in Tunesien – Hilft Deutsch weiter?

Wer mehrere Sprachen spricht, hat größere Chancen im Beruf, heißt es. Ist das wirklich so in einer zunehmend glo­­balisierten Welt, in der Englisch zur Ver­­­­kehrssprache geworden ist? Reicht es in einem Land wie Tunesien nicht aus, wenn man außer der arabischen Muttersprache und der ersten Fremdsprache Französisch auch noch Englisch kann? Arbeitslosig­­keit, insbesondere unter den Hochschulab­­­gängern, war der Auslöser der tunesi­schen Revolution vom 14. Januar 2011. Die Gründe, warum die Bewerbungen der jungen Leute um Arbeitsplätze hierzulande erfolglos bleiben, sind vielfach. Die Hoch­­­schulausbildung entspricht nicht den Fach­­kräfteprofilen, die der Arbeitsmarkt anzu­­­bieten hat, und das Jobangebot ist ins­­ge­­samt zu gering, gemessen an der Zahl der Hochschulabsolventen. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Grund ist die für das Leben in einer Diktatur typische Zurück­­­­gezogenheit. Reisen jenseits der Grenzen waren mit Schwierigkeiten verbunden und wenn man reiste, waren frankophone Län­­der das bevorzugte Ziel, auch aus Gründen der Verständigung. Ausländische Firmen, die sich in Tunesien niedergelassen hatten, waren manch einem suspekt, da sie von der „Familie“, wie man die Entourage des Präsidenten Ben Ali nannte, kontrolliert wurden. Überhaupt war das Interesse an anderen Ländern eingeschränkt und mit ihm die Motivation für das Erlernen fremder Sprachen.


201212_Tunis_Sprachlerner_FotoBernhardLudewig_0710-Kopie

Seit 2011 hat sich das deutlich ver­­än­­dert. Die Tunesier sind neugierig geworden und wagen sich auf unbekanntes Terrain. Deutschland ist nicht nur für jüngere Küns­­­­t­­­ler und Kulturakteure attraktiv, sondern besonders auch für Vertreter technischer und medizinischer Berufe. Womit nicht gesagt sein soll, dass das Land von einem massiven Braindrain bedroht ist, denn die Tunesier hängen sehr an ihrem Land, das sie mit aller Kraft in eine bessere Zukunft führen wollen. An dieser Tatsache hat auch die Fluchtwelle nach Lampedusa nichts ge­­­­­­ändert. Beschäftigungsfördernde Pro­­­gram­­­me, die die „legale Mobilität“ unter­­­­stützen, sind sehr beliebt und werden auch von der tunesischen Regierung begrüßt. Wer neben einer guten fachlichen Aus­­bil­­­dung auch noch Auslandserfahrung auf­­­weisen kann, ist im Vorteil, denn er oder sie kommt in der Regel mit größerem Weit­­­blick und neuen Erfahrungen zurück, ist offener für Veränderungen und bringt frische Ideen ins Land.

Im postrevolutionären Tunesien bietet das Goethe-Institut Fortbildungen für Künstler und Kulturschaffende an und verhilft tune­­sischen Künstlern zu Präsentations­mög­­­lich­keiten, an denen es in allen Kunst­spar­­ten mangelt. Dabei wird Wert darauf ge­­­legt, das gesellschaftliche Potenzial von Kunst zu akzentuieren. So ging es bei­­spielsweise in einem Projekt – in dessen Rahmen in drei Hügelorten im Norden, in der Mitte und im Süden Tunesiens über drei Wochenenden In-situ-Kunst präsen­tiert wurde – darum, dass die 23 teilneh­m­­enden Künstler ihre Arbeiten gemeinsam mit den Bewohnern der Hügel realisierten. Auf diese Weise kann verdeutlicht werden, dass zeitgenössische Kunst die Bewoh­­ner direkt betrifft, indem sie ihren Blick auf das Gewohnte und ihnen Vertraute ver­­ändert. Im Rahmen eines anderen Pro­­­­jekts werden tunesische Theate­r­tech­­niker fortgebildet, indem sie aus einer Kon­­fron­­tation mit den unterschiedlichen Theater­­­realitäten in Deutschland und Tunesien Kompetenzgewinn für eine Weiterent­­wick­­­lung im tunesischen Theater mit den hier gegebenen Möglichkeiten erhalten. Das Goethe-Institut wird von reformorientier­ten tunesischen Kultur- und Bildungs­behörden um die Vermittlung fachlicher Beratung aus deutscher Sicht gebeten, sei es in methodischen Fragen bei der Definierung von Qualitätsstandards für den Schulunterricht oder bei der Er­­­arbeitung von Handlungsempfehlungen zu Erhalt und Nutzung des architektonischen Erbes.

IMG_3569-Kopie

Die Möglichkeiten für nützliche Kultur- und Bildungsaktivitäten sind zahlreich, denn das Interesse an Deutschland ist groß in Tunesien. Auch im Kerngeschäft des Goethe-Instituts, dem Angebot an Kursen für Deutsch als Fremdsprache, findet diese erfreuliche Situation ihren Niederschlag. Die Zahl der Kursteil­­neh­­mer ist zwischen 2010 und 2012 um 25 Prozent gestiegen.

Dass die jungen tunesischen Fachkräfte, die gerne eine Zeit lang nach Deutsch­­land gehen wollen, nicht mit Englisc­h­ken­­nt­­­nissen auskommen, ist selbstverständ­lich. Aber auch diejenigen, die in Tune­­sien Arbeit suchen, haben einen klaren Markt­­vorteil, wenn sie Deutschkenntnisse vor­­weisen können. Denn auch Firmen in­­­ten­­­sivieren ihre internationalen Geschäfts­­b­­­­eziehungen, Firmen aus dem technischen Bereich verstärkt auch mit Deutschland. „Über die Sprache zum Arbeitsplatz“ ist ein Projekt aus dem Beschäftigungspakt Tunesiens, mit dem Deutschland zur Unterstützung des Transformations­pro­zes­­ses beiträgt, indem für die Jahre 2012 und 2013 nicht unerhebliche Finanz­­mittel zur Verfügung gestellt werden. Gegen­­stand dieses Projekts, dass das Goethe-­Institut Tunesien in Kooperation mit der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Han­­delskammer (AHK) realisiert, ist die Zu­­sammenführung von arbeitssuchenden jungen Fachkräften mit deutschen Sprach­­kenntnissen als Zusatzqualifikation und Unternehmen, die junge Fachkräfte in Tu­­nesien suchen. Niederlassungen deutscher Firmen in Tu­­­­­nesien oder tunesische Firmen, die Ge­­­schäftskontakte mit Deutschland pflegen sowie auf- oder ausbauen wollen, brauchen Personal, das nicht nur fachlich kompetent ist, sondern auch über deu­tsche Sprachkenntnisse verfügt.

201212_Tunis_Sprachlerner_FotoBernhardLudewig_0462-Kopie

201212_Tunis_Sprachlerner_FotoBernhardLudewig_0450-Kopie

Eine andere Frage ist freilich, inwieweit diese Unternehmen auch in der Lage sind, das Personal, das sie brauchen, zu be­­­­zahlen. Da ist es wenig hilfreich, wenn Auf­­­träge scheitern, weil wir in Deutschland erfahren, dass Tunesien aufgrund uner­­­­freu­­licher Vorkommnisse als ein Land mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft wird. Am 8. Februar 2013, als die Beerdigung des zwei Tage zuvor ermordeten tunesischen Linkspolitikers Chokri Belaid stattfand und Zigtausende in einem langen Marsch seinem Sarg folgten, titelte z.B. ein italie­­­­n­­ischer Fernsehspot: „Tunesien versinkt im Chaos“. Wer sich an Ort und Stelle be­­­findet, kann das nicht nachvollziehen. Wer meidet Spanien, wenn gegen die Spar­­politik der Regierung protestiert und ge­­­s­­­treikt wird? Wer macht einen Bogen um deutsche Städte, in denen Salafisten fest­­­­genommen wurden? Für die tunesische Wirtschaft und ganz besonders für die Tourismusbranche ist eine einseitige, furcht­­­einflößende Berichterstattung über Tune­­sien fatal. Je mehr Deutsch sprechende Tune­­sier unmittelbar von ihrem Land be­­­richten können, persönliche Kontakte und einen regen Austausch mit Deutschland pflegen, desto größer ist die Chance, ein differenzierteres Bild von Tunesien in Deutschland zu vermitteln. Und in Tune­­sien wird gleichzeitig die Sympathie für Deutschland gepflegt.

Diese ist immer noch geprägt von der Be­­wunderung für die Leistungsfähigkeit der Deutschen auf technischem Ge­­­biet. Insbe­­son­dere seit der Stra­­­­­te­­gie zur Energie­­wen­­de gilt Deutschland in Tunesien als bei­­­­­spiel­­haft in dem Sektor der er­­­neu­erbaren Ener­­gien. Eine wachsende Anzahl junger Men­­­schen in Tunesien aus verschie­­den­­en Fach­­­richtungen der ange­­wandten Wissen­­­­schaf­­ten strebt daher einen Studienauf­­enthalt in Deutschland an. Dafür sind, wie gesagt, Deutsch­ken­n­­t­­nisse erforderlich, auch wenn die Lernin­­halte zunehmend auf Eng­­lisch vermittelt werden. Tunesischen Inter­­­­essenten Anreize für das Studium in Deutschland zu bieten, wäre eine Unter­­­stützung des Transfor­­ma­­­tions­­pro­­­zes­­ses in Tunesien, denn die Erfah­­rung mit den bisherigen Studienmög­­lich­­keiten in Frank­­­reich, Belgien und Kanada zeigt, dass die dort ausgebildeten Kräfte nicht nur bessere Chancen auf dem hei­­­mischen Arbeitsmarkt haben, sondern dass gerade auch sie es sind, die das Land nach vorne bringen. Nicht zuletzt tragen sie – in entsprechenden Funktionen agierend – zu Reformen im eigenen Land, darunter auch im Bildungswesen bei. Geht es um eine Verbesserung der ma­­­teriellen Existenz der Bevölkerung, kann man durchaus sagen, dass die deutsche Sprache weiter­­hilft. Anfang 2011 hat Frankreich auf­grund seiner Haltung in Bezug auf die re­­volutionären Ereignisse Ende 2010 an Vertrauenswürdigkeit und Glaubhaftigkeit eingebüßt. Wenn es um die Vermittlung freiheitlich-rechts­staat­licher Werte in Tunesien geht, sind daher deutsche Sprach­­­­kenntnisse und die da­­­durch erleichterten Kontakte zu Deutsch­­­­land derzeit eine aus­­sichtsreiche Basis.

GI-Tunis-bohrer0059-KopieThe author studied French language and literature, linguistics and comparative literature at the Sorbonne in Paris. She has worked for the Goethe-Institut in Bucharest, Rome, Paris and Brussels since 1978 and has led the Goethe-In­s­­titut in Tunisia since September 2011.