Carolin Ruh: Friedensschinken und Harzer Roller – Kulinarische Botschaften aus Nieder­sachsen

„Gutes Essen und Trinken gehören zu unserem Land wie der Harz, die Küste und die Heide, wie schwarzbunte Kühe und goldgelbe Getreidefelder im Sommer“, so der ehemalige niedersächsische Minis­­­ter­­­prä­si­dent David McAllister.

Vom Osnabrücker Friedensschinken über den Nienburger Spargel bis zum Jäger­­meister aus Wolfenbüttel oder der gemütlichen Teezeremonie in Ostfriesland: Kuli­narische Spezialitäten aus Niedersachsen verraten nicht nur etwas über das Land und seine Besonderheiten, sondern sind auch Ausdruck eines bestimmten Lebens­­stils. Damit übernehmen Essen und Trinken zunehmend eine wichtige Funk­tion in der Touristik: Als Botschafter für die Region ver­­mitteln sie auch ein Stück Lebensgefühl und werben für das Land und seine Bewohner.

Das Reiseland Niedersachsen bietet seinen Besuchern alles von der Kult-Imbiss­bude bis zum 3-Sterne-Restaurant – für jeden Anspruch ist hier etwas zu finden. In diesem Land zwischen null und tausend Metern finden sich viele Ecken und Kanten. Und deshalb muss man beim Thema Kuli­­narik sowohl von den zwölf Sterne­restau­rants sprechen, die es hier gibt, als auch von Grünkohl und Steckrüben – Nah­­rungsmitteln, die man in den südlicheren deutschen Gefilden früher höchstens als Viehfutter verwendete. Und schließlich: Neben feinsten kulinarischen Export­gü­­tern von Bahlsen und Leysieffer tragen auch Ein­­becker Urbock und Harzer Roller das nieder­­sächsisches Image hinaus in die Welt.

Reisen und Speisen – der Stellenwert von Essen und Trinken bei der Wahl des Urlaubsortes. Die Bedeutung von kulinarischen Reisen nimmt immer mehr zu. Die Zahlen sprechen für sich: Laut der aktuellen Studie „Wirtschaftsfaktor Touris­­­mus Deutschland“ des Wirtschafts­mi­­ni­­­s­­­te­­riums geben ausländische Be­sucher in Deutschland 5,6 Milliarden Euro oder 15,4 Prozent ihrer Urlaubsausgaben für Gastronomische Leistungen aus. Sie liegen nach den Flug- und den Beherbergungs­leistungen an dritter Stelle. Bei den inländischen Besuchern stehen die gastrono­­mischen Leistungen sogar mit 44 Mil­liar­den Euro an erster Stelle. Und noch eine Zahl ist interessant: 85,5 Pro­zent der Gast­­stättenleistungen in Deutsch­­land entfallen mittlerweile auf touristische Nachfrage.

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Niedersachsen steht an zweiter Stelle bei Urlaubsreisen in die deutschen Bundes­länder. Das Thema Essen und Trinken wiederum steht bei den Niedersachsen­urlaubern hoch im Kurs. Damit liegt das Land voll im Trend: Essen und Trinken als Teil nationaler und regionaler Kultur haben in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen – das sagt auch die Wissenschaft.
Dr. Jaksa Kivela, Profes­­­sor an der Hongkong Polytechnic Uni­ver­sity, berichtete auf der European Culinary Tourism im März 2011 in Wien von seinen Studien. Touristen sind laut Kivela auf der Suche nach Authentizität und einer tieferen Einsicht in fremde (Ess)­­Kulturen. Das kulinarische Erlebnis verschmilzt dabei mit dem Bild der besuchten Desti­nation, fand Kivela in seinen For­­­schungs­projekten heraus. Kulinarische Rei­sende sind meist Stammgäste, die gerne Erle­btes im Freundeskreis weiter­­erzählen und damit wichtiger Multiplikator sind. „Essen und Trinken haben erheblichen Einfluss darauf, wie der Tourist die be­­­suchte Destination erlebt, welches Bild er davon mit nach Hause nimmt und ob er letztlich wiederkommt“, unterstreicht Kivela die Bedeutung von Essen und Trinken als Bestandteil des touristischen Gesamtprodukts.

Kulinarisches Erlebnis – So isst Nieder­­­sachsen. Aber wie sieht sie aus, die kulinarische Region Niedersachsen? Nie­­dersachsen ist ein Agrarland, geprägt durch die Nähe zum Meer und den Marsch- ­­und zu den Geestlandschaften. Traditionell verzehrte man vor allem in Küstennähe Speisefische wie Scholle, Hering und Kabeljau, dazu Meeresfrüchte wie Krabben. In Ostfriesland darf man an einer Tasse Tee nicht vorbeigehen. Das Teezeremoniell der Ostfriesen ist einmalig: In die kleinen „Koppkes“ geschenkt, trifft der Tee auf den „Kluntje“, ein großes Stück Kandis. Ein Löffel Sahne wird in den Tee getan, wer umrührt ist ein Fremder. Der Ostfriese genießt zuerst das Teearoma, dann die Mischung aus Tee und Sahne und zum Schluss die reine Süße.

Im Alten Land an der Elbe zwischen Stade und Buxtehude dreht sich von September bis November in Restaurants, Cafés und Hofläden alles rund um den Apfel. Neben süßen und deftigen Apfel­­gerichten werden speziell in den Hofläden über 30 verschiedene Apfelsorten und Apfelprodukte angeboten. Dazu gehören Chips, Gummibärchen, Konfitüren, Säfte und Prosecco.



In Niedersachsen wird von der Nordsee bis zur Heide deftig geschlemmt, Hanno­­­v­ersches Zungenragout oder Emsländer Bookweitenjanhinnerk, ein Pfannkuchen aus Buchweizen, sind nur einige der Spezialitäten. Regionale Obst- und Ge­­mü­­­­­seprodukte bilden die Grundlage der soliden Küche. Veredelt wird sie mit Fleisch von der Heidschnucke, Wild und Fisch. Deftige Würste wie Bregenwurst und Kohl­­wurst sind ebenso typisch wie die häufige Verwendung von Speck, zum Beispiel im gekochten Grünkohl, auch „Oldenburger Palme“ genannt, der nach dem ersten Winterfrost auf den Tisch kommt. So dick wie ein Gesangbuch soll der Speck im Grünkohl sein, der gerne in großer geselliger Runde gegessen wird.

Weiter südlich kommen wir in die Lüne­­burger Heide, das Hauptanbaugebiet von Spargel und Kartoffeln. Spargel ist das Lieblingsgemüse der Deutschen und in Verbindung mit neuen Kartoffeln steht er von April bis Juni in verschiedenen Variationen auf allen Speisekarten.

Tradition und Moderne – Sterne über dem Reiseland. Neben diesen vielen Spezialitäten im Reiseland Niedersachsen zeigen auch viele gastronomische Ein­­richtungen die Kunst der gehobenen Küche. Der nördlichste deutsche Drei-Sterne-Koch heißt Sven Elversfeld und sein „Aqua“ im Ritz Carlton Hotel in Wolfsburgs Autostadt bietet Blick auf den Mittellandkanal. In der aktuellen Aus­­gabe des Guide Michelin von 2012 hat das „La Vie“ in Osnabrück einen dritten Stern dazubekommen, in dem herrlichen Stadthaus, das dem RWE-Chef Jürgen Groß­­mann gehört, entwickelt Thomas Bühner seine Aromenküche.

In Cuxhaven glänzt das Sterneck mit zwei Michelin-Sternen und neun weitere Res­­taurants in Nieder­sachsen gehören mit jeweils einem Stern zur renommierten Fein­­schmecker-Gastro­­nomie: „L’art de Vivre“, Schlosshotel Münch­­hausen in Aerzen, „Keilings Restau­­rant“ in Bad Bentheim, „Ole deele“ in Burgwedel, „Endtenfang“ in Celle, „Zum Heidkrug“ in Lüneburg, „La Forge“ in Bad Nenndorf, „Marco Polo“ in Wilhemshaven, „La Fon­­taine“ in Wolfsburg sowie das „Apicius“ in Bad Zwischenahn. Und Hof­­fnungs­träger für einen Stern im Jahr 2013 ist das „Perior“ im ostfriesischen Leer.

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Wir sprachen eingangs von den Im­­biss­­buden und den Ecken und Kanten Nieder­­­­­sachsens. Dazu gehören als Gegen­­pol zu den 17 niedersächsischen Sternen die mehr als 1.000 Mitglieder der Han­­no­­ver­­schen Currywurst-Gesellschaft (HCG), die eines verbindet: die Pflege des Brauch­­­tums und die Liebe zur Currywurst. In monatlichen Verkostungen werden Gastro­­­­nomen im Land getestet, wie sie mit der Spezialität umgehen, von der Imbiss­­­­bude bis zum Sternekoch. Die HCG ist bisher einzigartig in Deutschland, in Berlin ist ein Ableger im Aufbau und in München plant man nach dem niedersächsischen Vorbild eine Weißwurst-Gesellschaft.

Made in Niedersachsen – vom Bier zum Butterkeks. Denkt man im Ausland an Deutschland, dann denkt man zuerst ans Bier. Innerhalb Deutschlands liegt Niedersachsen mit einem Bierabsatz von 10,2 Millionen Hektolitern auf Platz drei hinter Nordrhein-Westfalen und Bayern. Die Brauereien in Bremen und Nieder­sachsen liefern im bundesweiten Vergleich mit 28 Prozent (2011) am meisten Bier ins Ausland. Beliebte Marken sind neben dem typisch herben Jever vor allem der Ein­­becker Urbock. Schon im 11. Jahr­hundert brauten die Einbecker so gut, dass sie von Amsterdam bis Stockholm und Riga bis Innsbruck exportierten. Der Begriff Bockbier kommt übrigens von dem „Ein­­pockischen“, wie das Bier aus Einbeck in Bayern genannt wurde. Eine weitere niedersächsische Marke ist in der Welt zuhause: Jägermeister gelang der Sprung in die Top Ten der Premium Spirituosen­­marken, neben Jim Beam, Gordon’s Gin und Smirnoff. Es muss aber nicht immer Alkohol sein: Bahlsen Keks ist weltberühmt, 51 Prozent des Gesamt­­­­­absatzes gehen mittlerweile ins Ausland. Und aus dem 1909 in Osnabrück eröffne­ten Kon­­ditor­ge­schäft Leysieffer ist mittler­­weile ein Unter­­nehmen geworden, das Kunden über­­all in Deutschland und in der Welt mit exklusiven Pralinen, Schoko­­­­­laden, Baum­­kuchen, Lebkuchen oder an­­deren vielfältigen süßen Genüsse versorgt.



Es wird einiges getan, um das Thema Kulinarik im Lande voranzutreiben: Seit gut zwei Jahren läuft die Initiative „Kuli­­narische Botschafter Niedersachsen“. Mit­­­tlerweile über 60 Lebensmittel aus Nieder­­sachsen sind ausgezeichnet worden und haben Botschafterstatus erreicht: authentische, typische, verantwortungsvoll her­­gestellte Produkte, Lebensmittel, auf die ihre Hersteller stolz sind, weil ihre ganze Erfahrung, ihre Inspiration und ihr Können in ihnen stecken. Und im Kreis Stade wurde die Niedersächsische Milchstraße eingerichtet: Entlang von vier Radtouren erhalten große und kleine Radler Einblicke in die moderne Milchviehwirtschaft.

Die 1967 geborene Autorin ist seit 2001 Geschäftsführerin der TourismusMarketing Niedersachsen GmbH in Hannover. Dem voran gingen Stationen bei der Deutschen Zentrale für Tourismus e.V. als Leiterin des Inlandsmarketings und ein Studium der Betriebswirtschaft in Heilbronn.3823-color-13x18-x-Kopie