Carola Schaar: IHK-Bezirk Halle-Dessau 1989 bis 2009 – Region dynamischen Strukturwandels

Frühjahr 2009 – Optimismus trotz „Krise“
Das Wort „Krise“ ist in al­­­ler Munde: Im­­­­mo­bilienkrise, Ban­ken­­­krise, Finanz­kri­­se, Automobilkrise, Kon­­­­junk­tur­­kri­­se, Wirt­­­schaftskrise. Nicht ge­­­­rade die bes­ten Zei­­­­ten also, um für ei­­nen Wirt­­schafts­stand­­ort zu werben, sollte man meinen. Al­­ler­­dings bietet die Situation auch die Chan­­ce, sich auf die eigenen Stärken zu kon­zentrie­­ren. Und zu die­sen zählt – im IHK-Be­­zirk wie in Ost­deutsch­land ins­­gesamt – die Erfah­rung der Men­­schen, dass Kri­­sen kom­­men und ge­­hen. Kurz: Die Men­schen in unserer Re­­gion sind kri­­sen­er­probt. Ins­be­son­dere die Un­­ter­­neh­­mer ha­­ben seit der Wende Eigen­­schaf­­ten und Fä­­higkeiten unter Be­­­­weis ge­­stellt, auf die es gerade in schwie­­rigen Zeiten an­­kommt: Flexibilität und An­­­­pas­sungs­­fähigkeit, Re­aktions­schnel­­­­ligkeit und Im­­provi­sa­tions­kunst sowie Kre­­a­tiv­i­tät, Ent­­schlossenheit und Zä­­hig­­keit. Diese zu­­packende Art macht Mut, ge­­rade auch in schwierigen Zei­ten.

IHK-Bezirk Halle-Dessau: Aufbau Ost im regionalen Brennglas
Sich auf die eigenen Stärken konzentrieren bedeutet auch, sich bisher Er­­­­reichtes bewusst zu machen. Der Blick auf vorhandene und unbestreitbare Er­­­­folge kommt leicht zu kurz, wenn man nur noch in Krisenkategorien denkt. Die Wirtschaftsentwicklung in unserem IHK-Bezirk während der letzten beiden Jahr­­­­zehnte lässt sich verstehen als „Auf­­­­bau Ost im regionalen Brennglas“. Ich den­­ke, dass bei diesem Blick durchaus eini­­ges an bemerkenswerten Erfolgen zu­­sam­menkommt. Gewiss, gerade zu Be­­­ginn war manche Schwierigkeit zu über­­ste­hen. Die wenigsten, die die Wen­­­­de be­­wusst erlebt haben, werden je ver­­ges­­sen, welche Zäsur dies bedeutet hat. Ge­­wiss, manche haben etwas ver­­loren, aber sehr viele haben sehr viel gewonnen.


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Unternehmer als Träger und Motoren wirtschaftlichen Wandels …
Wirtschaftlicher Wandel geschieht nicht von selbst, maßgebliche Träger dieses Wan­­dels sind Unternehmer. Wandel be­­­­deu­­tet Veränderung, Ver­lassen der Rou­­­­tine, Be­­treten von Neu­­land. Und das ist immer mit Un­­ge­­wissheit und Risiko ver­­bunden. Dies wissen gerade Un­­ter­­neh­­mer sehr ge­­nau, müssen sie sich doch – bei Stra­fe ihres wirtschaftlichen Un­­tergangs – tagtäglich im Wettbewerb bewähren. Zwar gilt grundsätzlich und für jeden, dass Wettbewerb stets un­­be­­quem ist. Die Unternehmer im Os­­ten Deutschlands aber, also auch jene im IHK-Bezirk Halle-Dessau, sind nach der Wende 1989 in eiskaltes Wasser ge­­sprungen.
Auf völlig fremdem Terrain und in völlig ungewohnter Umgebung haben sie so­­wohl Anpassungs- als auch Aufbau­leis­­tungen vollbracht, die in der Tat bemerkenswert sind.

… mit tatkräftiger Unterstützung der IHK
Die IHK Halle-Dessau war und ist stets bemüht, dabei zu helfen, Rahmen­be­­din­­gungen zu schaffen und zu verbessern, Wege zu ebnen und mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Ich finde, durchaus mit Erfolg: Im Herbst 1989 gehörten der damaligen Handels- und Ge­­wer­­be­­kam­­mer des DDR-Bezirkes Halle ge­­rade noch 3.583 Betriebe an, davon allein mehr als 2.000 Einzelhändler und Gast­stätten (plus noch circa 2.000 Staats­­­­betriebe). Heute ist die Mitglied­schaft der IHK Halle-Dessau auf rund 53.000 Unternehmen aller Branchen und Be­­triebsgrößen angewachsen. Un­­mit­tel­bar nach der Wende ging es für die in der Kammer verbliebenen Be­­trie­­be zu­nächst vor allem darum, Pri­vat­eigentum sowie Vertrags- und völlige unternehmerische Entscheidungs­frei­heit zurückzugewinnen. Trotz mancher nur schleppend ge­­löster Eigentums­fra­­gen erreichte man diese Ziele jedoch insgesamt recht zü­­gig. Damit sowie insbesondere auch mit der umfassenden Erneuerung der Verkehrs­infra­struk­­tur waren wichtige Vor­­aussetzungen für individuellen unterneh­­merischen Er­­folg und das wirtschaftliche Fortkommen Sach­­sen-Anhalts insgesamt geschaffen.

Umspannwerk

Wirtschaft im IHK-Bezirk heute: Er­­folgsgeneigtes Strukturmuster ist erreicht
Der wichtigste Erfolg ist wohl, dass das wirtschaftliche Strukturmuster des IHK-Bezirks (wie auch des Landes Sach­­sen-Anhalt oder der neuen Bun­des­län­­­­der ins­­­­gesamt) heute insgesamt er­­folgs­ge­­neigt ist. Dies freilich erkennt nur, wer nicht ausschließlich auf die Höhe der Wachs­­tumsraten schaut. Not­­­­wendig ist auch und insbesondere der Blick darauf, auf welchen Märkten und in welchen Bran­­chen das Wachstum erzielt wird. Und dieser Blick macht durchaus Mut: Ins­­besondere die In­­dus­­trie kommt seit Jah­­­ren gut voran; im IHK-Bezirk vor al­­lem die Nahrungsmittel- und die Che­­mie­­­­­industrie, aber auch Ma­­schi­­nen- und An­­­­lagenbau sowie Elektro­tech­­nik.
De­­ren Wachstum wird zunehmend auf überre­­gionalen Märkten erzielt, deren po­­tenzielles Wachstum praktisch keine Gren­­ze kennt. Auch das Dienstleistungs­ge­­werbe hat sich erfreulich entwickelt.

Anders hingegen die regionalen Märkte: Deren (zudem stark transferabhängiges) Wachstum fand vor allem in den ersten Jahren nach der Wende statt. Der Hö­­he­­­­punkt wurde etwa gegen Mitte der neun­­ziger Jahre erreicht. Das Potenzial die­­ser Märkte freilich wurde – so etwa im Han­del und in der Bauwirtschaft – deut­­lich überschätzt: Die rasch aufgebauten Ka­­pazitäten konnten schon recht bald nicht mehr ausgelastet werden; dauerhaft wett­­bewerbsfähige Arbeits­plät­ze waren weit weniger entstanden als vielfach erhofft.

Dieses Strukturmuster hat sich grund­le­­gend gewandelt: Industrie und Dienst­­­­­leis­­tungswirtschaft steuern einen im­­mer größeren Teil zur Wertschöpfung bei. Vie­­le Unternehmen sind heute – auch in­­ternational – wettbewerbsfähig. Die Pro­­­­­­­duk­­ti­­vität der arbeitenden Men­­­schen wächst stetig: Das reale Brutto­in­­lands­produkt je Erwerbstätigen in den sogenannten neu­en Ländern nahm wäh­­­­­­rend der letzten rund 15 Jahre beinahe durch­­­­weg stärker zu als im gesamtdeut­­schen Durchschnitt. Sachsen-An­halt liegt hier seit Jahren in der Spit­zen­­gruppe. Posi­tiv zu erwähnen sind zu­­dem die vie­­len Forschungs­ein­rich­tun­­gen – staat­­liche wie private, innerhalb und außer­­halb von Hochschulen; hin­­zu kommen Tech­no­­logie- und Grün­­­­der­zen­tren, von denen sich einige dau­­er­­haft eta­­bliert und er­­folgreiche Ar­­beit geleistet haben.


IHK

Zwei Relativierungen: Bevölkerungs­rückgang und Unternehmenslücke
Zumindest zwei wichtige Rela­tivie­run­­gen müssen bedacht werden. Erstens, die Be­­völkerung im IHK-Bezirk – wie auch in Sachsen-Anhalt insgesamt – schrumpft. Seit 1990 hat Sachsen-An­­halt rund 17 Prozent seiner Einwohner verloren. Zwei­­­­tens, die im Vergleich zu west­deutschen Ländern noch immer be­­ste­­hende Un­­ter­­nehmenslücke schrumpft nur sehr lang­­sam. Nötig sind also mehr Stabilität bei bestehenden und noch mehr Grün­dungs­­dynamik bei neuen Un­­ternehmen. Bei­­des freilich fällt nicht vom Himmel.
Zukunft gewinnen durch mehr Investitionen in Kinder, Bildung, Infrastruktur
Wir müssen alles unternehmen, um Sach­­sen-Anhalt zu einem noch attraktiveren Land zu machen, in dem es sich zu le­­ben und zu arbeiten lohnt. Dabei geht es vor allem um eines: um In­­ves­­ti­tio­nen – und zwar auf drei Ebenen. Ers­­tens: Investitionen in Kinder. Wir brauchen mehr Kinderfreundlichkeit im Steu­­er- und Rentenrecht; auch im Be­­reich „Familienfreundlichkeit im Be­­ruf“ kann gewiss noch mehr getan wer­­den. Zwei­­tens: Investitionen in Bil­dung – also Schule, Hochschule so­­wie Forschung und Entwicklung –, da­­mit diese Kinder auch eine wirkliche Chance auf die entsprechende Aus­bil­dung und Qualifikation bekommen. Und drittens brauchen wir Investitionen in die Infrastruktur, um Wege in die Zukunft zu bauen. Dabei geht es um die Verkehrsinfrastruktur (Stra­ßen, Brücken, Schienen, Wasser­stra­ßen) ebenso wie um die technische Infra­struktur.

Die IHK wird auch zukünftig als unabhängiger Anwalt für Markt und Wett­be­­werb, als kundenorientierter Dienst­­­leis­­ter für alle Gewerbetreibenden so­­­­wie nicht zuletzt als konstruktiv-kritischer Partner der Politik ihren Teil da­­­­zu beitra­­gen, dass die Zukunft auf dem be­­schrie­­benen Wege gewonnen werden kann.

BildDie Autorin wurde 1951 ge­­boren und stu­­dierte Betriebs­wirt­schaft und Päda­­go­gik. 1995 und 1997 gründe­­te sie die Fir­­men ABASYS GmbH, TUKAN Multi­­me­­dia GmbH sowie 2000 die Combit Ltd. in Rio de Janeiro. 2000 wurde sie Vize­prä­­sidentin der IHK Halle-Dessau, deren Präsidentin sie seit 2008 ist. Carola Schaar ist zudem Vor­­sitzende des Vorstandes des Ausbil­dungs­­ringes Halle-Dessau e.V.