Birgit Förster: Standortvorteil Fachkräfteverfügbarkeit

Als exportabhängige Nation war Deutsch­­land im Jahr 2009 von der Wirtschafts­krise besonders hart betroffen. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte um 4,7 Prozent. Der Anstieg der Arbeits­lo­sig­­keit war dagegen weniger dramatisch. Große Entlassungswellen wie zu­­nächst befürchtet blieben aus. Zu verdanken ist dies einer verantwortungsvollen und vorausschauenden Personalpolitik der Unternehmen und dem Instrument der Kurzarbeit. Durch die Förderung einer vorübergehenden Arbeits­zeit­ver­kür­zung konnten die Betriebe den Nach­frage­ein­bruch überbrücken und die Arbeits­kräfte im Unternehmen halten, um mit dem Konjunkturaufschwung sofort wie­­der durchstarten zu können. Damit ist Deutschland wie kaum ein anderes Industrieland durch die Krise gekommen. Besonders Betriebe, die schon länger Probleme hatten, Fachkräfte zu finden, konnten so ihre Mitarbeiter halten.

Die konjunkturelle Kurzarbeit spielt in­­zwischen kaum noch eine Rolle. Die Unterbeschäftigung sank beachtlich, Arbeitskräfte werden wieder nachgefragt und die Anzahl der sozialversicherungs­pflichtigen Beschäftigungsverhältnisse steigt auch wieder an.

Die Wirtschaftsprognosen sind positiv und die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften zieht im Auf­schwung weiter an. Aber schon jetzt klagen die Unternehmen über Probleme, ausreichend Fachkräfte zu finden. Die Gründe dafür sind die Konjunkturstärke der Jahre vor der Krise und der momentan starke Wirt­­schaftsaufschwung verbunden mit einer sinkenden Arbeitslosigkeit. Damit ist die Nachfrage nach Fachkräften schnel­­ler als erwartet angestiegen. Die Aus­wir­kun­­gen des demografischen Wandels kommen kurz- bis mittelfristig hinzu. Circa 50 Prozent aller Betriebe sehen im Fach­­kräftemangel auch die größte Aus­wir­kung des demografischen Wandels auf sich zukommen, so das Ergebnis einer IHK-Unternehmensbefragung.

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Ab dem Jahr 2012 werden Unternehmen in der Engineering-Region Darmstadt-Rhein-Main-Neckar Schwierigkeiten haben, qualifizierte Fachkräfte zu finden, prognostizieren selbst die Industrie- und Handelskammern in Darmstadt und Frankfurt. Vorsichtigen Schätzungen zu­­folge sind jährlich rund 27.000 Stellen insbesondere für Ingenieure und Infor­matiker, aber auch für gewerblich-tech­­nisch und kaufmännisch ausgebildete Fachkräfte betroffen.

Folgende Entwicklung ist bundesweit zu beobachten: Seit den siebziger Jahren gehen die Geburtenzahlen stark zurück. Mittlerweile sterben mehr Menschen, als geboren werden.
Der Ausgleich erfolgte bislang durch die Zuwanderung von ausländischen Arbeitnehmern. Die Abwanderung war vernachlässigbar klein und die Bevöl­ke­­rung ist trotz des Geburtenrückgangs angestiegen. Seit einigen Jahren sinkt die Zuwanderung und die Abwanderung von besonders hochqualifizierten Arbeit­­nehmern, vielfach mit dem Wunsch nach familienfreundlicheren Arbeits­be­din­gun­gen, steigt dagegen an. Die Bevöl­ke­rungs­zahl sinkt und damit auch die Zahl derer, die auf den Arbeitsmarkt drängen. Zunächst entlastet dies den Arbeits­markt, aber die Folgen sind ab­­sehbar. Denn wichtiger als die Zu- oder Ab­­nah­me der Bevölkerung ist ihre Alters­­struktur. Wenn spätestens ab dem Jahr 2015 die ersten geburtenstarken Jahr­gänge in den Ruhe­­stand gehen, wird das Arbeits­kräfte­an­gebot von Jahr zu Jahr drastisch sin­­ken. Der Bevölkerungs­anteil im erwerbs­fähi­gen Alter wird zu­­nehmend kleiner. Bereits heute leben weit mehr 60-Jährige als 16-Jährige in Deutsch­land und bis zum Jahr 2025 wird es doppelt so viele 60-jährige wie 16-jährige Menschen geben.

Eine Studie des Instituts für Arbeits­markt- und Berufsforschung (IAB) zum Arbeitsmarkt bis 2025 geht davon aus, dass bis zu diesem Zeitpunkt das Erwerbs­­personenpotenzial um sieben Millionen Menschen sinken wird. Bereits im Jahr 2010 ist das Erwerbspersonenpotenzial bundesweit um circa 90.000 Menschen zurückgegangen. Ohne qualifizierte Fach­­kräfte stoßen die Unternehmen an Gren­­zen des Wachstums, wenn Aufträge we­­gen Personalmangel abgelehnt werden müs­­sen. Das Angebot an qualifizierten Fach­­kräften ist damit einer der wichtigsten Standortfaktoren. Dieser Trend ist allerdings nicht flächen­­de­ckend im gesamten Bundesgebiet identisch ausgeprägt: Wie stellen sich angesichts dieser Entwicklungen die Perspektiven für Darmstadt dar?

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Der letzte Demografiebericht der Wissen­­schaftsstadt Darmstadt von 2008 belegt, dass in einzelnen Ballungszentren und Metropolregionen die umgekehrte Ent­wicklung stattfindet. Auch das Rhein-Main-Gebiet und die Stadt Darmstadt weisen eine positive Bevölkerungs­dy­na­mik auf und gehören damit zu der klei­nen Gruppe der Städte und Metropol­regionen Deutschlands mit sehr guten Zukunftsaussichten und Wachs­tums­chancen. Bereits seit 2005 werden in Darmstadt mehr Kinder geboren, als Menschen sterben. Seit 1998 ist zu­­dem eine positive Wanderungsbilanz zu verzeichnen. Der durchschnittliche jährliche Wanderungsgewinn lag mit über 400 Personen sogar außerordentlich hoch. Als Folge beider Trends stiegen die Bevöl­­kerungszahlen von 139.000 Ende der 1990er Jahre bis heute auf einen historischen Höchststand von über 143.000 Einwohnern an. Ein Ende des Bevöl­ke­rungszuwachses ist nicht zu erkennen.

Damit ist Darmstadt zunächst eine Ge­­winnerin des demografischen Wan­dels. Was die Gewinner-Regionen ge­­mein­sam haben, sind attraktive und innovative Arbeitsplätze, sehr gute Karriere­chan­cen, optimale Lebens­qua­li­tät, eine gute Infra­struktur und ein aus­­gezeichnetes Dienst­­leistungs­ange­bot.

Analysen des IAB belegen, dass Regio­nen, die für mobile und gut ausgebildete Fach­­kräfte attraktiv sind, einen bedeutenden Standortvorteil haben: Mit der Zuwan­de­­rung von gut und hoch Quali­fi­­zierten steigen die regionalen Wachstums­­aus­sichten. Die Arbeitskräfte wählen dabei den Wohn- und Arbeitsort, der ihnen und ihren Familien die bestmöglichen Perspektiven ermöglicht.

Der Wirtschaftsraum Südhessen profitiert hier in besonderem Maß von der Quali­tät der Ausbildung und der For­schung an den hiesigen Hochschulen: der Tech­­ni­schen Universität Darmstadt, der Hoch­­schule Darmstadt und der Evan­­ge­li­schen Fachhochschule Darm­stadt mit zusammen rund 33.000 Studie­ren­den. Die TU Darmstadt gilt als eine der besten Universitäten Deutschlands.
Die­­sen Ruf hat sie vor allem im Bereich der Ingenieurwissenschaften inne. Die Studie­renden sind beim Verlassen der Hoch­schule sofort berufsfähig, und die an­­sässigen Unternehmen erhalten durch ihre Verbindung mit den Hoch­­schulen Impulse aus der wissenschaft­lichen For­­schung. Gerade diese enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirt­­schaft macht Darmstadt so erfolgreich.

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Aufgrund des ausgezeichneten Rufs und der interessanten fachlichen Aus­rich­tung der Hochschulen haben sich über 30 hochkarätige For­schungs­ein­richtungen und Institute in Darm­stadt angesiedelt – darunter befinden sich das GSI Helm­holtzzentrum für Schwe­­ri­onen­for­schung, das Euro­pä­i­sche Raum­flug­kontroll­zen­trum (ESOC), das Euro­pä­­ische Zentrum zur Kon­trolle von Wetter­satelliten (EUMETSAT) und drei Institute der Fraunhofer-Gesell­­schaft. Dazu kommen große Firmen und Ein­richtungen der Kernbranchen in den hochtechnologisierten und innovativen Bereichen IT, Chemie, Pharma, Maschi­nen­bau und Weltraumtechnik, die einen großen Teil ihrer qualifizierten Arbeits­kräfte direkt von den Hoch­schulen Darmstadts rekrutieren.

Attraktive Arbeitsplatzangebote alleine reichen allerdings nicht aus, um hochqualifizierte Fachkräfte in der Region zu halten. Insbesondere die Verein­bar­keit von Familie und Beruf ist eine wesentliche Schlüsselgröße für die Zukunfts­fähigkeit des Wirtschaftsstandortes.

So gehört es mittlerweile für die meisten Unternehmen in Darmstadt zu den Kern­­aufgaben, ihren Mitarbeiterinnen und Mit­­arbeitern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Viele Arbeit­­geber bieten Kinder­betreu­ungs­mög­lich­­keiten und flexible Arbeits­zeit­modelle an. Ins­be­sondere Frauen wird der Wieder­ein­stieg nach der Familien­pause durch ein zusätzlich stetig steigendes Ange­bot an Teilzeitarbeits­plät­zen erleichtert. Lang­­fristig wird dadurch das Aus­schei­den von Mitarbeitern verhindert und betriebs­­spezifisches Know-how bleibt erhalten. Die Mitarbeiter fühlen sich ver­­bunden, Familie und Arbeit werden in Balance gebracht und die Zufriedenheit steigt.

Auch das sehr gute Schulsystem – mit Ganztagsbetreuungsmöglichkeiten – ist attraktiv für den Zuzug junger Fa­­mi­lien. Trotz aller positiven Standort­fak­toren wird der demografische Wandel kommen und damit ein verschärfter Fach­­kräftemangel. Um diesem Prozess vorzubeugen, müssen vor Ort Strategien erarbeitet werden, damit die möglichen negativen Auswirkungen abgedämpft wer­­den können. In vielen Bereichen sind hier Politik und Wirtschaft gleicher­maßen gefordert.
Verbesserungspotenziale gibt es: Neben der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der Integration von Migranten muss auch die Erwerbsbeteiligung älterer Men­­schen erhöht werden. Eine gezielte Weiter­­bildungsbeteiligung und Ange­bo­te zur Gesundheitsvorsorge ermöglichen eine längere Lebensarbeitszeit. Ebenso kön­­nen Ausbildungsinhalte an Berufs­schu­len und Schulen noch opti­­maler mit den Unter­nehmen abgestimmt werden, damit Ju­­­gend­­liche noch besser auf die Berufsausbildung und damit auf den Einstieg ins Erwerbs­leben vorbereitet werden. Wenn diese Basis vorhanden ist beziehungsweise verbessert wird, können daraus zu­­sätz­­liche Fachkräfte für morgen gewonnen werden. Inner­betriebliche Personal­ent­­wicklungs­maß­nahmen und die Qua­­li­fizierung sowohl der in Unternehmen Beschäftigten als auch der Arbeit­suchenden ist ein ebenso unerläss­licher Beitrag zur Fach­kräfte­sicherung wie der Ausbau einer qualifizierten Zuwanderung.

Werden all diese Punkte beachtet, ist Darmstadt auch für die Zukunft nach­­haltig wettbewerbsfähig aufgestellt und hat trotz einer allgemein schrum­­pfenden und alternden Erwerbs­be­völ­kerung im nationalen wie internationalen Wett­be­werb um qualifizierte Fachkräfte die Nase vorn.

Förster_0019-KopieDie Autorin wurde 1960 in Würzburg geboren und lebt mit ihrem Mann in Kahl am Main. Die studierte Diplom-Biologin leitet seit Oktober 2006 die Agentur für Arbeit Darmstadt. Zuvor durchlief Birgit Förster mehrere Sta­tionen jeweils in Führungspositionen in den Arbeits­agen­­turen Würzburg, Aschaffen­burg, Landau in der Pfalz und in der Regionaldirektion in Frankfurt.