Birgit Fischer: Erforschen, Entwickeln, Herstellen und Vertreiben – Wie ein Arzneimittel entsteht

Von der Erforschung eines Wirkstoffs bis zum marktfähigen Medikament ist es ein langer Weg voller Herausforderungen. Denn damit eine Substanz als Wirk­­stoff taugt, muss sie eine außergewöhnliche Kombination von Eigenschaften mitbringen.

 

Medikamente haben die Lebenserwartung und Le­­bens­qualität der De­­utschen enorm verbessert. Trotz­­dem wer­­den neue Medikamente dringend gebraucht, denn vielen Patientinnen und Patienten kann noch nicht an­­ge­­messen geholfen werden. Der Gesundheitsstatus der Be­­völ­­ke­­rung ist darüber hinaus für die Produktivität – gerade einer älter werdenden Gesellschaft – von großer Be­­deu­­tung. Für die Volkswirtschaft ist der Export von Arznei­­mitteln weltweit ein entscheidender Wirt­­schafts­­faktor. Wirksame Arzneimittel produzieren heißt: Es wer­­­­den Werte geschaffen. Das Wissen über Arzneimittel und Pa­­tientenversorgung ist in der Wissensgesellschaft der Rohstoff für Deutschland im internationalen Wett­­be­­werb. Ein neues Medikament zu entwickeln ist ein kom­­plexes Projekt ohne Erfolgsgarantie, das selbst bei gu­­tem Ver­­­­lauf selten kürzer als 13 Jahre dauert. Fachleute mit un­­ter­­schied­­lichster Exper­­­­tise – Medi­­zin, Chemie, Phar­­ma­­zie, Inge­nieurs­­we­­sen, Informatik, Pa­­tent­­we­­sen und so weiter – müssen dazu bei­­tragen.

Deutschland ist nach wie vor eins der führenden Län­­der für die Erfindung neuer Medikamente, dank For­­schungs- und Entwicklungseinrichtungen von deutschen wie aus­­­­ländischen Unternehmen. Aber kein Medikament entsteht heute noch in einem Land allein. Und was fer­­tig entwickelt ist, ist immer gleich für den Weltmarkt be­­stimmt.

Vor dem Start jedes Arzneimittelprojekts stehen Fra­­gen wie diese: Bei welchen Krankheiten besteht dringender Bedarf für neue Medikamente? Gibt es neue Er­­kennt­­nisse aus der Grundlagenforschung darüber, wo man wirk­­samer als bisher in den Krankheitsverlauf eingreifen könnte? Oder lässt sich ein Medikament finden, das we­­­­­­niger Ne­­benwirkungen hat als die bisherigen? Wür­­den Kran­­ken­­versicherungen oder Patienten für ein solches Medi­­ka­­ment zahlen, wenn es gelingt?

Fallen die Antworten positiv aus, beginnt ein Prozess aus vielen hundert Einzelschritten. Zentraler Be­­stand­­teil je­­des Medikaments ist sein Wirkstoff. Manchmal kann das eine Substanz sein, die dem Patienten fehlt – wie ein Ge­­rin­­nungsfaktor bei Hämophilie-Patienten. In den meisten Fällen müssen Pharmaforscher aber erst einmal eine Stelle im Krankheitsgeschehen finden, an der ein Wirk­­stoff eingreifen könnte. Meist finden Unter­­neh­­men Hin­­­­weise darauf in der Forschungsliteratur. In an­­de­ren Fällen berichten ihnen kooperierende For­­scher­­gruppen davon. Das macht deutlich, wie groß die Be­­deutung eines Um­­felds mit akademischer Forschung auf Weltklas­se­ni­­veau für die Firmen ist. Deutschland hat auch hier viel zu bieten. Ist ein sinnvoller Angriffspunkt gefunden, muss ein Wirk­­­­­­­­stoff geschaffen werden, der imstande ist, darauf ein­­zu­­­­wirken. So etwas gelingt zwar nicht am „Reißbrett“, doch haben Pharmaforscher andere Wege zum Ziel. So kön­­nen sie beispielsweise aus einer großen Sammlung chemischer und aus der Natur gewonnener Substanzen die­­je­­nigen ermitteln, die zumindest eine geringe Wir­­kung zei­­gen. Von diesen ausgehend, erarbeiten die For­­schungs­­­­teams dann den eigentlichen Wirkstoff, indem sie immer wieder Atome ergänzen oder weglassen.

Gentechnische Wirkstoffe entwickeln Pharmaforscher hin­­­­gegen meist, indem sie von einem menschlichen Pro­­­­tein ausgehen, das sie dann in medizinisch geeigneter Weise abwandeln. Schließlich wird dann ein Gen zu seiner Her­­stellung in Zellen eingeschleust, die sich in großen Stahl­­tanks gut vermehren lassen; dort stellen sie den Wirk­­stoff dann in großen Mengen her.

Der endgültige Wirkstoff muss nicht nur an der richtigen Stelle in den Krankheitsvorgang eingreifen, er muss auch andere gute Eigenschaften haben: Er sollte im Körper möglichst nur an der gewünschten Stelle wir­­­­ken und nicht auch viele an­­dere Moleküle beeinflussen. Er muss – wenn er als Tablette eingenom­­men werden soll – den Weg aus dem Darm bis zu der Stelle, an der er wirken soll, unbeschadet zu­­rück­­legen können.

Sieht ein Wirkstoffkandidat aussichts­­reich aus, wird er zum Patent angemeldet. Ehe er am Menschen erprobt werden kann, muss er noch ein rigoroses Test­­pro­­gramm absolvieren, bei dem insbesondere überprüft wird, dass die neue Sub­­stanz nicht giftig, krebs­erregend oder in an­­derer Weise schädlich ist. Dazu dienen Tests im Rea­­genz­­glas, mit Zellkulturen und mit Tieren. Nur Wirk­­stoff­­­­­­kan­­didaten, die sich hier bewähren, kommen für eine wei­­­­­­tere Erprobung in Betracht, alle anderen werden aus­­­­ge­­mus­­tert.

Die Erprobung mit Menschen, die klinische Entwicklung, gliedert sich in drei Phasen: Erprobung mit wenigen Ge­­sunden (Phase I), Erprobung mit wenigen Kran­­ken (Phase II) und Erprobung mit vielen Kranken (Phase III). Die klini­­sche Entwicklung ist der aufwändigste und kosten­­in­­ten­­sivste Teil der Medika­menten­ent­wick­lung: Bis zu mehre­­re zehntausend Patienten in vielen hun­­dert Klini­­ken in der ganzen Welt sind daran beteiligt. Deut­­sche Kliniken spielen dabei eine große Rolle; tatsächlich ist Deutschland sogar weltweit das zweit­­aktivste Land – nach den USA – wenn es um die Be­­tei­­li­­gung an Indus­­trie-ini­ti­ier­ten klinischen Studien geht.

Waren alle Stu­­dien und Tests erfolgreich, kann das Unter­­nehmen bei der Arznei­mittelagentur der EU, der EMA, und weiteren Arz­nei­mittelbehörden weltweit die Zu­­las­­sung für das Medi­ka­ment beantragen.

Nach der EU-Zulassung hat das Unternehmen das Recht, sein neues Medikament in Deutschland unverzüglich auf den Markt zu bringen, so dass es Ärzten und Patienten zur Verfügung steht. Das allerdings kann es nur, wenn es während die klinische Er­­probung noch lief, auch die Hightech-Anlage für die Massenproduktion fertigge­­stellt hat. Und wenn es eine ausgeklügelte Logistik au­f­­­­gebaut hat, die das Medi­ka­­ment von dort zu den Pa­­tientinnen und Patienten weltweit bringt. Deutschland konnte sich in den letzten Jahren mehrfach firmenintern gegen andere Län­­der als Pro­­duktionsstandort für Inno­­vationen durch­­­­setzen; etwa für gentechnische Medi­­ka­­mente oder neu­­artige synthe­­tische Gerinnungshemmer. Doch ist der Standort­­wett­­bewerb äußerst scharf, gerade auch durch Lohnfertiger in Schwellenländern, die sich ebenfalls ständig technisch verbessern. Firma und Krankenkassen verhandeln nach der Markt­­ein­­führung über den Betrag, den die Kassen für das Mittel erstatten (wofür sie sich unter anderem auf die Er­­geb­­nisse einer Nutzenbewertung für das Medikament stützen). In all den Jahren der Entwicklung eines Medi­­ka­­­­ments haben sich nur Kosten aufsummiert. Erst nach der Markteinführung kann das Unter­nehmen diese Kos­­ten so lange wieder einspielen, bis der Patentschutz erlischt und Nachahmerfirmen eigene Versionen des Medikaments herausbringen können.

Die Autorin ist seit Mai 2011 Hauptgeschäftsführerin im Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa). Von 1998 bis 2002 war sie Ministerin für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit und von 2002 bis 2005 Ministerin für Ge­­sund­­heit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen. Darüber hinaus war Birgit Fischer von 2010 bis April 2011 Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK.