Bertram Hilgen: Wirtschaftsregion Kassel – gut gerüstet für die Zukunft

Die documenta-Stadt Kassel ist mit 193.000 Einwohnern Hessens drittgröß­te Stadt und das wirtschaftliche, kulturelle und soziale Oberzentrum der Re­­gion Nordhessen. Das hervorragende Kultur- und Freizeitangebot sowie die hohe Lebensqualität begeistern Ein­hei­­mische und Gäste gleichermaßen. Die Stadt ist landschaftlich herrlich eingebet­­tet und reich an Parks und Grün­­an­­la­gen; Europas größter Bergpark mit Schloss Wilhelms­höhe, der Löwenburg und dem Herkules, dessen Aufnahme in die Welt­­erbeliste der UNESCO derzeit vorbereitet wird, genießt weltweites Re­­nommee.

Internationales Interes­se findet Kassel vor allem auch als Veran­stal­­tungsort der weltgrößten Aus­stel­lung zeitgenössischer Kunst, der documenta. Mit den Kassel direkt umgeben­den selbstständigen Städ­ten und Ge­­mein­­den Baunatal, Vellmar, Kaufungen und weiteren wird ein engerer Wirtschafts­raum von etwa 350.000 Ein­wohnern repräsentiert. Das gesamte Einzugs­ge­­biet des Oberzentrums Kas­sel um­­fasst etwa eine Million Men­schen. Kassel ist mit seinem Umland nicht nur wirtschaft­lich, sondern auch verkehrs­technisch eng verknüpft und verfügt mit der Regio­tram über ein im bundesweiten Ver­gleich her­aus­­ragendes ÖPNV-Angebot.

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Die deutsche Wiedervereinigung vor 20 Jahren brachte der Wirtschaftsregion Kas­­sel ihre besondere Mittelpunkt-Lage in Deutschland und Europa zurück. Mit ihr eröffneten sich der einst von überdurch­­schnittlicher Arbeitslosigkeit ge­­präg­ten Region neue Ent­wick­lungs­mög­­lich­­keiten. Doch nicht nur die Lage, auch die Infra­strukturen müssen stimmen, damit sich die Standortvorteile in wirtschaftlicher Dynamik nieder­­schla­­gen kön­­nen. Und auch hier hatte Kas­sel schon aus alter Tradition gute Vor­­aus­­setzungen. Schon in den Auf­bau­­jah­­ren der Bahn war die zentral gelege­ne Stadt ein wichtiges Drehkreuz im Schie­­­­nen­verkehr. Der Bau der ICE-Neu­­bau­­stre­­cke Hannover–Würzburg in den 1980er Jahren sowie die Eröffnung des Fern­bahnhofs Kassel-Wilhelms­hö­­he im Jahr 1990 taten dabei ihr Übriges. Die­­­se Investitionen verwandelten nicht nur den ursprünglich eher beschaulichen Stadtteil Wilhelmshöhe in ein prosperierendes Dienstleistungs­zentrum, son­­­­dern veränderten die gesamte Region.

Auch auf der Straße kann die Region Kassel heute ihre Lage­vorteile nutzen. Die Ballungs­räume im Norden, Wes­ten und Süden des Landes sind über die bestehenden Autobahnen A7, A44 und A49 schnell erreichbar. Und auch die lange Zeit unterbrochene Anbin­dung nach Osten ist durch die inzwischen fast durchgängig befahrbare A38 Rich­­tung Halle und Leipzig wieder hergestellt.
Der Lückenschluss der Autobahn A44 nach Eisenach wird die Fahrzeiten in die ostdeutschen Bundesländer noch­­mals deutlich reduzieren. Das derzeit wichtigste Infrastrukturprojekt ist si­­cher der Neubau des Flughafens Kassel-Cal­­den für rund 150 Millionen Euro. Po­­si­tive öko­­nomische Auswirkungen werden nicht nur aus dem reinen Flug­ha­fen­be­­trieb er­­wartet, sondern vor allem auch durch die Besiedelung des angeschlossenen Industriegebiets, das in direkter Nach­­barschaft zu Eurocopter, ZF Luft­fahrt­technik und einigen weiteren be­­reits am Flughafen ansässigen Unter­neh­­men pro­­jektiert wird.

Innenstadt-CityPoint-Innen

Die Stärken des Wirtschaftsraums Kas­sel haben sich inzwischen herumgespro­­chen, vor allem auch in der Logis­tik­branche. Einen Grundstein dafür legte dabei sicher der Beschluss des Volks­­wagen-konzerns, die logistischen Akti­vi­­täten im Ersatzteilegeschäft in der Re­­gion Kassel zu bündeln. Heute verfügt das Volkswagen Original Teile Cen­­ter in den Hallen OTC 1 bis 5 über rund 500.000 Quadratmeter Lagerfläche und etwa 2.500 Mitarbeiter. Schon jetzt ist es da­­mit das größte Logistikzentrum Euro­pas – und OTC 6 ist schon in Pla­nung. Auch das etwa zeitgleich projektierte interkommunale Güter­ver­kehrs­zen­trum im Dreieck der Städte Kassel-Lohfelden-Ful­­dabrück wurde zur Er­­folgs­geschichte und die meisten Flächen des rund 60 Hektar umfassenden Areals sind bereits vermarktet. Davon profitiert auch der In­­dustriepark Kassel, das mit insgesamt 440 Hektar größte zusammenhängende Gewerbegebiet zwischen Han­no­­ver und Frankfurt. Mit seiner Lage di­­rekt im Schnittpunkt der Autobahnen A7, A44 und A49 kann dieser sicher als einer der interessantesten Standorte Deutsch­­lands bezeichnet werden. Rund 400 Unter­neh­­men mit über 9.000 Be­­schäftigten sind heute schon hier an­­sässig.

Im Kern ist die Wirtschaftsregion Kas­­sel ein Standort modernster Industrie­pro­­duktion geblieben. Das VW-Werk in Bau­­natal, Nordhessens größter Arbeit­ge­ber, hat sich zur Perle des Volks­wa­gen­­kon­­zerns gemausert. Bombardier pro­du­­ziert in Kassel die hochwertigsten Loko­­mo­tiven für den Weltmarkt, auch die Lkw-Achsen des Technologieführers Mer­­cedes und die Fahrzeug- und Ver­kehrs­technik von Hübner entstehen in Kas­sel. Mit der Wintershall AG ist Deutsch­lands größter Erdöl- und Erdgas­pro­du­zent in Kas­­sel beheimatet. Und auch die Fir­men­zentrale des in den DAX auf­gestiegenen Unter­nehmens K+S Ak­­tien­­­gesellschaft sitzt in Kassel.
Jetzt soll ein zweites industrielles Stand­­bein den Wirtschaftsstandort dauerhaft stärken. Nordhessen soll zu einer Mo­­dell­­region für modernste Energie- und Effi­­zienz­­technologien entwickelt werden. Eine im Dezember 2007 vorgestellte Stu­­die rechnet dabei mit rund 20.000 hochqualifizierten Arbeitsplätzen bis 2020. Damit könnte dieser Wirtschafts­zweig eine so bedeutende Rolle spielen wie heute die Auto­mobil­­industrie. Das Kom­­petenz­netz­werk Dezen­­trale Energie­­ver­­sor­­gungs­­techno­logien e.V. vereint schon heute fast 100 Unternehmen, Dienst­­­leister und Forschungs­­­einrich­tungen, da­­runter das Fraunhofer-Institut für Bau­physik am Zentrum für umweltbewusstes Bauen an der Uni Kassel und das international re­­nommierte Fraunhofer-Institut für Wind­­energie und Energie­sys­tem­­technik – IWES. Nicht zuletzt das äußerst dynamisch wachsende Unter­nehmen SMA Solar Technology AG, das in Kassel gerade für 40 Millionen Euro die größte Wechsel­­richterfabrik der Welt gebaut hat, steht als Beleg dafür, dass die Wirt­schafts­­region Kassel schon heute international führend ist, wenn es um die Energietechnologien der Zukunft geht.

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Wesentliche Impulse zur Regio­nal­ent­wick­­lung kommen vor allem auch aus der Universität Kassel, die inzwischen als eine der unternehmerischsten Hoch­­schulen Deutschlands gilt. Die Zahl der Studien­­anfänger steigt kontinuierlich, zum Winter­­semester 2009/2010 waren es fast 5.000. Mit den Investitionen in die Nanostruktur­­forschung oder Pro­jek­­ten zur Förderung des Technologie­transfers wurden bereits in den vergan­­genen Jahren die entspre­chenden Wei­chen gestellt. Als beispielhaft gilt auch das neu gegründete Anwendungs­­­zent­rum für Metallformgebung Metakus, das sich besonders durch seine Praxis­ver­­bunden­­heit zur Wirtschaft hervorhebt. Als Antwort auf die Herausforderungen des demografischen Wandels konkretisieren sich derzeit Investitions­pla­nun­­gen für einen Science-Park. Im direkten Umfeld der Universität gelegen, wird er optimale Bedingungen für Hochschule und Wirt­schaft bieten, um Projekte ge­­meinsam durchzuführen und an der Uni entstandenes Wissen unmittelbar in Ar­­beits­plätze um­­zuwandeln.

Die Beispiele zeigen, dass sich die Wirt­­schaftsregion Kassel mit den erfolgten Investitionen bereits gut für die Zukunft gerüstet hat. Schon in den letzten Jah­ren ist ein bemerkenswerter Auf­schwung festzu­­stellen, der sich sehr positiv auf den Arbeits­­markt auswirkte und die Ar­­beits­­losigkeit im Bundesvergleich über­­durch­­schnittlich reduziert hat. Auf die Stärken als Wirt­­schafts­­standort, die Po­­tenziale der kulturel­­len Schätze und die Impulse der Univer­­sität kann die Re­­gion weiter aufbauen.

DSC_6906_breiterDer Autor studierte Rechts- und Politik­wissenschaften in Mar­burg. 1980 wurde er Refe­rent des damaligen Ober­bürger­meisters Hans Eichel. 1986 übernahm er die Lei­tung des Rechts­amtes der Stadt. 1996 wur­­de er Regie­rungs­präsident. Von 1999 bis 2005 lei­tete er das Kom­mu­nale Gebiets­rechen­zentrum in Kassel. Zu­dem war er Ge­schäfts­führer des IT-Un­ter­­­neh­­­mens ekom21. Seit 2005 ist er Ober­bür­­­­ger­meis­­ter der documenta-Stadt Kassel.