Bernd Ehinger: Das Handwerk hat Zukunft

Wer einmal die Gelegenheit hat, das Goldene Buch der Stadt Darmstadt zu betrachten, sollte dies nicht verpassen. Es ist nicht nur ein Zeitdokument, sondern zeugt mit seinem kunstvoll verzierten Einband von den Fähigkeiten des innovativen, kreativen Wirtschaftszweigs. Der Buchdeckel unterstreicht auch die Be­­deu­­tung des Handwerks für die Stadt. Denn auf diesem befinden sich in den vier Ecken die Wappen der Kunst, der Industrie, des Bauerntums und des Hand­­werks. Das Handwerk gehört eben seit jeher zum Bild einer modernen Stadt.

Als starker Partner ist die Branche immer gefragt. Auch wenn die Menschen im Wirtschaftszweig sich der langen Tra­di­tion des Handwerks bewusst sind, steht für sie die Zukunft im Vordergrund. Die Mitarbeiter und Unternehmer im Hand­werk stellen sich den zentralen Heraus­forderungen von morgen. Der Bereich hat Potenzial in der Region und so zeigt die bundesweite Imagekampagne auf humorvolle Weise, dass das Handwerk den Titel „Wirtschaftsmacht von nebenan“ verdient. Mit einer Vielfalt aus 120 Berufen bietet das Handwerk den Aus­zu­bil­den­den Perspektiven wie kaum ein anderer Sektor. Hierzu zählen beispielsweise sowohl tra­ditionelle Berufe wie Dachdecker/-in, Drucker/-in oder Bäcker/in als auch neuere Variationen wie Fotomedien­fach­­mann­/-frau oder Schilder- und Licht­­re­klame­hersteller/-in. Allein in Darmstadt gibt es mehr als 1.300 Hand­werks­­­betriebe. Mit ihren rund 9.000 Be­­schäf­tig­ten erwirtschaften sie jedes Jahr rund 810 Millionen Euro. Den größten Umsatz verzeichnen die Betriebe in einem Ab­­satz­umkreis von 100 Kilo­metern. Dank der Metropolregion Rhein-Main und ihren zahlreichen Kontakten ist das Handwerk überregional gut vernetzt. Der positive Ruf eilt dem Hand­werk voraus; selbst internationale Delegationen informieren sich immer wieder über das bestehende Kammer­system. Kurzum: Das Handwerk ist gefragt.

Darmstadt macht mobil und das mit einer Dynamik, die so manche Metropole in den Schatten stellt. Die Stadt in Süd­hessen zählt zu den Musterbeispielen für die Verflechtung von Wirtschaft und Wissenschaft, Kultur und Fortschritt. In den Rankings der deutschen Fach­presse nimmt Darmstadt eine Spitzenposition ein. Für die kommunale Wirtschafts­politik heißt das: Spitzenplatz halten und Zu­­kunft­­s­fähigkeit stärken. Nicht zuletzt tragen die Mitarbeiter und Unternehmer des Handwerks auch zur Prosperität der Region bei.

jm1g5382

Auch deshalb setzt sich das Handwerk dafür ein, dass die unterschiedlichen Ak­­teure aus Politik, Wirtschaft und Kultur enger zusammenrücken.
Nur gemeinsam erreichen sie das Ziel, die Region im internationalen Wett­be­werb im Spitzenfeld zu halten. Ein erster Schritt für die Zukunft ist gemacht. Mit der Kampagne „Wir sind FrankfurtRhein Main“ setzten sich führende Vertreter der Wirtschaft für eine Stärkung der Metropolregion rund um Frankfurt ein. Gefordert werden Transparenz und die Abschaffung der Beliebigkeit. Es ist wichtig, dass gerade jetzt das Können der Region voll ausgeschöpft wird. Das Handwerk möchte, dass die Aufträge in der Region bleiben. Mit seinen Pro­dukten und Dienstleistungen steht es für eine solide Basis, die die Wirtschafts­kraft Südhessens voranbringt. Die Betriebe wissen, dass es sich lohnt, in Darmstadt zu investieren. Die günstige Wirtschaftsstruktur und das hohe Be­­schäf­­tigungsniveau sprechen für sich.

Die Darmstädter Handwerksbetriebe sind nah an ihren Kunden. In den kleinen und mittelständischen Firmen wird keine Massenware produziert. Die individuelle Betriebsstruktur garantiert, dass für Meister und Gesellen Qualität an erster Stelle steht, genauso wie der Kunde mit seinen Wünschen und Vorstellungen. Die Handwerksstruktur in Darmstadt ist typisch städtisch. Ein Schwerpunkt liegt bei den dienstleistungs- und service­orientierten Handwerksberufen. Vor allem die Gesundheits-, Körperpflege- und Reinigungsgewerbe sind in Darmstadt anzutreffen, und zwar deutlich häufiger als in den umliegenden Städten und Kreisen. Die Unternehmer wissen, worauf es morgen ankommt. Durch die Demo­­grafie ergeben sich neue Chancen für ältere Arbeitnehmer. Das Miteinander funktioniert zwischen den verschiedenen Generationen bereits hervorragend. So ist das Handwerk für andere Wirtschafts­­zweige ein Vorbild. Und das soll ausgebaut werden.

Künftig ergeben sich für das Handwerk neue Beschäftigungsfelder, zum Beispiel Wohnen im Alter, Elektromobilität oder energetische Gebäudesanierung. Hier werden den Kunden bereits heute pass­­genaue Produkte und Dienstleistungen angeboten. Das Handwerk wird im Hin­blick auf die Zusammenarbeit verschiedener Nationalitäten in den Betrieben weiterhin wertvolle Integrationsarbeit leisten. Der Erfolg der dualen Ausbildung kann sich sehen lassen. Es gibt hervorragende Karriereperspektiven, die auch internationale Anerkennung hervorrufen.
Die Kreishandwerkerschaft Darmstadt-Dieburg leistet mit den ihr angeschlossenen Innungen dazu einen wichtigen Beitrag und gewährleistet den dauerhaft hohen Stand­ard. Die Kombination von Tradition und Innovation, von hoher hand­­werklicher Qualifikation und neuen Tech­niken spricht für sich – eine Stärke, die das Darmstädter Handwerk zu einer tragenden Säule der südhessischen Wirtschaft macht.

Die Handwerkskammer Rhein-Main hat neben Frankfurt auch in Darmstadt eine Niederlassung. Rund 70 Mitarbeiter be­­treuen hier die Anliegen der heimischen Handwerksbetriebe. Existenzgründer können sich in die Handwerksrolle, das Verzeichnis aller Inhaber eines zulassungs­pflichtigen Betriebes, eintragen lassen. Zudem wird juristische und betriebswirt­schaftliche Beratung angeboten sowie Unterstützung in Fragen des technischen Umweltschutzes, der Standort­sicher­ung und des europäischen Binnenmarktes. Experten geben Tipps für den Start ins Berufsleben genauso wie für Über­gangs­regelungen und Betriebsnachfolgen. Die Außenwirtschaftsberatung der Hessischen Handwerkskammern ist ebenfalls in der Verwaltung Darmstadt der Handwerks­kammer Rhein-Main angesiedelt.
Hier betreuen die Mitarbeiter Hand­werker, die ihre Aktivitäten über Deutschland hinaus erweitern wollen. Die Unternehmen werden von der ersten Idee bis zur konkreten Umsetzung im fremden Land be­­­gleitet. Die Handwerkskammer Rhein-Main in Darmstadt hilft Handwerkern ebenfalls bei der Organisation von Messen. Wer sich an nationalen und internationalen Ver­an­staltungen beteiligen möchte, erhält hier Beratung und Informationen, die einen erfolgreichen Messeauftritt garantieren.

jm1g6241

In Sachen Aus- und Weiterbildung ist das Darmstädter Handwerk ebenfalls stark. Weit mehr als 300 junge Menschen beginnen jedes Jahr allein in Darmstadt einen handwerklichen Beruf. Vor allem die Bau- und Ausbauberufe sind bei den Jugend­lichen begehrt, aber auch die Holz verarbeitenden Gewerke, die Metall- und Elektro-Branche sowie Gesundheits­berufe. Jobmotor für junge Leute aus Stadt und Region ist die Ausbildungsmesse Süd­hessen, die jährlich in Darmstadt stattfindet. Diese bietet Schülern, Eltern und Lehrern die Möglichkeit, sich über Aus- und Weiterbildung im Handwerk zu informieren. Außerdem können die Jugend­lichen in lebenden Werkstätten ihr hand­­werkliches Geschick ausprobieren.

Dass die Handwerkskammer Rhein-Main Aus- und Weiterbildung in Südhessen großschreibt, zeigt sich nicht zuletzt im benachbarten Weiterstadt. Hier unter­­hält die Handwerkskammer Rhein-Main ein Berufsbildungs- und Technologie­zen­trum, welches weltweit die ersten Meister­urkunden im Gerüstbau ausstellte und in diesem Bereich führend ist. Aus ganz Deutschland reisen Lehrlinge zur überbetrieblichen Bildung an. Dem Schu­lungs­betrieb stehen 35 Lehrwerkstätten, zehn Lehrsäle und drei Computerräume zur Verfügung. Insgesamt gibt es 1.100 Plätze, die nach dem neuesten Stand der Technik ausgestattet sind. Die berufliche Aus- und Weiterbildung wird zusammen mit Fachverbänden durchgeführt. Dies gewährleistet einen hohen Qualitäts­stand­ard sowie handwerkliches Können auf höchstem Niveau.

Das Handwerk in Südhessen arbeitet zu­­kunftsorientiert. Die demografische Ent­­­wick­­lung zeigt schon jetzt, dass sich Darmstädter Betriebe inmitten eines Generationenwechsels befinden. Jeder vierte Betrieb steht in den nächsten Jahren zur Übernahme an. Dann werden erstklassig ausgebildete Fachkräfte gefragt sein, die weiterführen, was Generationen vor ihnen aufgebaut haben. Die Übergabe des Handwerksbetriebs an die nächste Generation zählt zu den schwierigsten unternehmerischen Aufgaben. Um­­sichtige Entscheidungen und Vertrauen sind hierbei gefordert. Gut jeder vierte Betrieb wird innerhalb der Familie an den eigenen Sohn oder die eigene Tochter über­­geben. Doch immer häufiger sind es auch Außenstehende, die für die Betriebs­nach­folge gesucht werden. Für die junge Gene­ra­­tion bedeutet das: Die Chancen, sich mit einem eigenen Betrieb selbstständig zu machen, sind so gut wie kaum zuvor. Der Meister­brief genießt weltweit einen erstklassigen Ruf. Als Qualitäts­siegel garantiert er im Handwerk Höchst­leistung sowie gute Perspektiven: für Men­schen, die anpacken, die ihre Zukunft in die Hand nehmen, die mehr wollen als bisher: nämlich Darmstadt und die Region weiter voranbringen.

9951-120Bernd Ehinger, Jahrgang 1944, ist Prä­si­dent des Hessischen Handwerkstages und der Handwerkskammer Rhein-Main. In diesen Funktionen vertritt er hessenweit rund 61.500 Betriebe mit ihren 375.000 Be­­schäftigten. 1967 legte er die Meister­prü­fung zum Elektro­instal­lateur ab. Seit 1970 führt er die Firma Elektro Ehinger mit über 150 Mit­ar­beit­ern in Frankfurt.