Annegret Reinhardt-Lehmann & Jörg Schaub – Neue Erfolgsmodelle für Metropolregionen

Betrachtet man sich die Strukturen von Metropolregionen in Europa und der Welt, fallen dabei zwei unterschiedliche Ge­­stal­­tungsmodelle auf. Das eine Mo­­dell ba­­siert auf einem starken in­­ne­­ren Zen­­trum, in dem sich die unter­­schied­­lichs­­ten Funk­­tionen der Me­­tro­­pol­­re­­gion bün­­deln: das Kultur­an­gebot, die wirt­­schaft­­lichen Akti­­­vi­­täten, die Politik, der gesell­­schaft­­liche Aus­­­tausch, die Gesund­­­­­­heits­ver­sor­­gung bis hin zu den Ein­­rich­­tungen von Wis­­sen­­­­­­­­schaft und For­schung. Diese starke funk­­tionale Konzentration bietet zahl­­reiche Vorteile, zum Beispiel eine ver­­­­gleichs­­wei­­se hohe Effizienz der Trans­­­­­­portsys­­teme durch höhere Bün­­de­­­­­­lungs­­­­effekte. Auch die sogenannten „Go­­ver­­­nance-Struk­­­tu­­ren“ zentralistisch orga­­­­ni­­­sierter Metro­­pol­re­­­gi­o­nen erscheinen effi­­­­­­zienter, da viele Be­­­reiche wie zum Bei­­­­­­spiel Raum­­pla­­nung, Kultur-, Wirt­­schafts- oder Tou­­ris­­­­mus­för­­­de­­­­rung von einer zen­­­­­tra­­len Ins­­ti­­tution aus orga­ni­­siert werden. Solche Struk­turen er­­mög­­­­­­lichen häufig, dass Ent­­­­schei­dun­­­­gen schnel­­­­ler ge­­trof­­fen werden und Pro­­jekte und Initia­­ti­­ven frühzeitiger und effi­­zienter gestartet und umgesetzt wer­­den können. Nicht zu­­letzt ergeben sich da­­rü­­ber hinaus zahlreiche Marke­­ting-Vor­­­teile für die Innen- und Außen­dar­­stel­­lung. Durch den Fokus auf das Zen­­t­­rum der Metropole erhält die Region ein ein­­­­deu­­ti­­ges Profil, welches wie­­derum die inter­­na­­tionale Wahrnehm­bar­keit deutlich erleichtert.
Einen weiteren großen Vorteil haben zentral strukturierte Metropolen durch das symbiotische Nebeneinander von Kern­stadt und Umland. Hier gibt es klare Rollenverteilungen. Das Umland sieht sich selbst als logischer Profiteur und enger Partner der Metropolregion. Dies wird unabhängig von tatsächlichen Stadt- und Gemeindegrenzen gelebt und prak­­tiziert. Als Beispiel in Deutschland ist hier die europäische Metropolregion Mün­­chen zu nennen. Hier sind neben der Kernstadt München ebenso kleinere Städte wie Ingolstadt oder Augsburg Bestandteil der Metropolregion. In der Außendarstellung ist es für diese Kom­­munen von großer Bedeutung, sich auf der Ebene der Metro­polregion München zu positionieren, da sie allein kaum eine Chance hätten, international Aufmerk­­sam­­keit auf sich zu ziehen. Diese Sym­­biose führt nebenbei zu einem engen Miteinander der verschiedenen Akteure. In dem gemeinsamen Nutzen, nämlich der Strahlkraft des starken Zentrums auf die umliegenden Ge­­meinden, liegt ein ex­­zellenter Nährboden für eine ver­­trau­­ens­­volle und zielgerichtete Zusam­men­­­­arbeit.

IMG_8332Die Autorin übernahm 1997 die Lei­­tung des Bereiches Marketing bei der Fraport AG. Seit August 2005 ist sie verantwortlich für den Bereich Marke­ting, Vertriebsunterstützung, Gremien. Zum 1. Mai 2007 hat sie zusätzlich die Geschäftsführung der Wirtschafts­ini­tia­tive übernommen.

Als Gegenmodell zu zentralistischen Me­­tropolregionen finden sich insbeson­­dere auch in Deutschland zahlreiche polyzentrische Strukturen. Bestes Bei­­spiel hierfür ist die größte deutsche Metropolregion Rhein-Ruhr mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Zu der Metro­­polregion Rhein-Ruhr zählen unter ande­­rem die Städte Köln, Düsseldorf, Dort­­mund, Essen, Gelsenkirchen, Bochum und Bonn. Allein dieser Umstand zeigt mit Blick auf den Vergleich mit Mün­­chen eine signifikant höhere Kom­­ple­­xi­­tät bei der Etablierung einer Steue­rungs­­funk­­tion auf der Ebene der Metropolre­gion auf. Für eine gemeinsame Aufstel­lung und Aus­­richtung ist jedoch eine effektive Steue­rungs­­funktion elementar wich­­tig. Denn die Wett­­­bewerbsfähigkeit und Stärke einer Metropolregion er­­schöpft sich nicht allein in dem Aufsum­­mieren von Kenn­zahlen.

Vielmehr müssen sich polyzentrische Metropolregionen darauf besinnen, den Zusatznutzen der Polyzentrik klar zu definieren und herauszustellen. Dieser liegt in der Regel in der Vielfältigkeit der Inter­­aktionen innerhalb der Metro­­pol­­re­­gion, in den engen regionalen Ver­­net­­zung, den wirtschaftlichen Verknüp­fun­­gen, im gesell­­­schaftlichen Aus­tausch. Aus dieser Vielfältigkeit der Inter­aktio­nen müssen jedoch im Zuge einer Profil­­­­­bil­­dung inhaltliche Schwerpunkte be­­stimmt und in regionale Strategien formuliert werden. Aus einem virtuellen Gebilde, das weder politisch verankert noch gesellschaftlich etabliert ist, muss ein Markenkern – beziehungsweise eine Art regionale DNA – herausgearbeitet wer­­den, in der sich die Region in ihrer Gesamtheit wiederfindet.

Solche Prozesse gestalten sich jedoch in polyzentrischen Metropolregionen außer­­­­­­ordentlich schwierig. Allein die An­­zahl der involvierten Parteien in der Metro­­pol­­­­region Rhein-Ruhr lässt erahnen, wie kom­­­­plex und aufwändig solche Aufga­­­­ben sind. Dass eine inhaltlich-strate­­gische Dis­­kus­­sion zudem kontinuierlich zu organisie­­ren ist und die Umsetzung einmal vereinbarter Strategien fortlaufend überprüft werden muss, macht die Aufgabe eben­­falls nicht leichter.

Schaub2Der Autor leitet in der Funktion als Stellvertreter der Geschäftsführung seit Mai 2007 die Geschäftsstelle der Wirt­­schaftsinitiative FrankfurtRheinMain e.V. Er verantwortet hierbei insbesondere die Bereiche Gremien, Mitglieder­be­treu­ung, Controlling und Projekt­manage­ment so­­wie das Marketing und die Pressearbeit.

Daher zählt es zu den größeren Heraus­­­­forderungen von polyzentrischen Metro­­­pol­­regionen, eine entsprechende Iden­ti­­­­tät aufzubauen. Zum Beispiel sind in der Rhein-Ruhr-Region tradierte re­­gio­­nale Ab­­­­­­­grenzungen („Niederrhein“, „Ruhr­­­­­­­pott“ und „Rheinland“) immer noch sehr stark ausgeprägt. Im Zuge der zu­­neh­­men­den Glo­­balisierung und des schärfer werdenden Wettbewerbs unter den Me­­tro­­­pol­­­­re­gio­­nen der Welt wäre es je­­doch erforderlich, eine Identität in Rich­­tung „Rhein-Ruhr“ zu entwickeln. Dies erfordert je­­doch zunächst, ein entspre­­chendes Be­­wusst­­sein unter den Akteuren der Metro­­polregion herzustellen. Eben­­­­so ist ein sehr langer Atem erforderlich, da sich regio­­nale Identitäten nur sehr lang­­fristig entwickeln und ausprägen.

Als Zwischenresümee kann man bei der Gegenüberstellung der beiden ver­­­schie­­­­denen Metropolregion-Modelle ge­­­­wich­­tige Vorteile bei den zentral struk­­tu­­rier­­ten Regionen erkennen. Die ent­­schei­dende Frage ist jedoch, welches der Mo­­delle ist langfristig zukunfts­­­­fähig und nachhaltig? Vor dem Hinter­­grund glo­­ba­­­­ler Ent­­wick­­lungen erge­­ben sich eventu­­ell gerade für polyzen­­tri­­sche Metro­pol­­re­­gionen wie auch Frankfurt­ Rhein­­Main neue Chancen.

Der stetige Zuzug in die Städte und Me­­­tro­­polen der Welt ist weiter ungebremst, eine Trendumkehr nicht er­­kenn­­bar. Viele Städte stellt diese Bevölke­­rungs­­dynamik vor immer größere He­­raus­­­forderungen. Weltweit ist keine der vorhan­­­de­nen Infrastrukturen dem prognostizierten Ansturm auf die Städte ge­­­­wachsen, auch wenn viele Me­­tro­­po­­len teilweise bereits gigantische Infra­struk­­­tur­projekte, wie zum Beispiel die Dubai Metro oder das Multi-Terminal in Shanghai, rea­lisiert oder auf den Weg gebracht haben. Gerade in China versucht man aktuell, diesem Phä­­no­­men mit einem atemberaubenden Tempo im Ausbau von Infra­­strukturen zu be­­gegnen. So verkün­­deten 2012 chine­­sische Behörden, im Rahmen eines Kon­­­­junk­­turprogramms für Infra­­struk­tur­­­pro­­­­jekte ein Inves­ti­tions­vo­­lu­men von 157 Mil­­li­­­­arden US-Dollar zur Ver­­fü­­gung zu stellen.

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Die permanente Anpassung der Infra­­strukturen an den tatsächlichen und künftigen Bedarf zählt zu den schwierigsten und dauerhaften Unterfangen einer Metropolregion. Denn die aus­­rei­­­­chende Verfügbarkeit moderner Infra­­­­struk­­­­­turen zählt per se zu den essen­­tiellen Wettbewerbsfaktoren einer Me­­tro­­­­­pol­­region. In der Alltagsrealität lässt sich jedoch feststellen, dass Stadt­­pla­­­nung durch ihre niedrigere Umset­­zungs­­­­­ge­schwin­digkeit dem tatsächlichen Be­­­­darf fast zwangsläufig hinterherlaufen muss. In vielen Regionen kann die Rea­­­­lisierung von Infra­­struk­tur­­maß­nah­men auch bei bester Planung nicht mit dem ansteigenden Bevöl­­ke­rungswachstum Schritt halten. Unab­­hängig davon, wie umfangreich der je­­weilige langfristige Infrastruktur- und Investitionsbedarf er­­­­scheint, die notwendigen Anpas­sun­­gen sind meist nur mit recht hohen Zeit­ver­­­­zögerungen bei gleich­­­­zeitig sehr hohen Kosten zu realisieren.

Diesem Umstand ist es auch zu verdanken, dass sich Politik und Planer häufig notgedrungen eher auf die kurzfristige Beseitigung von Infrastruktur­eng­päs­sen konzentrieren. Mit der Folge, dass keine Vernetzung innerhalb der Projekte er­­folgt und sie völlig unabhängig voneinander und ohne Bezug zu ihrer Be­­deu­­tung für die Metropolregion angegangen werden. Die zeitliche Dimen­­sion, die hohen Kos­­ten sowie die Kom­­plexität langfristiger stra­­tegischer Stadt­­ent­­wick­­lung, ebenso die vermeintlich güns­­ti­­gere politische Wahr­­neh­­mung von kurz­­­­fristigen Erfolgen, lassen diese Prio­­­­­­ri­­­­tätensetzung nachvollzieh­­bar er­­schei­­­­nen. Langfristig wirkt sich diese Ent­­wick­­lung jedoch schädlich für eine Region aus.

Als Konsequenz müssen nämlich zu­­neh­­mend Beeinträchtigungen wie zum Bei­­­­spiel Verkehrsstaus, Einschrän­kun­gen in der Energieversorgung, teurer Wohn­raum, Umweltbeeinträchtigungen bis hin zu fehlenden Schulen und Kinder­be­­treu­­­ungs­­angeboten in Kauf genommen wer­­den. In zentralistisch struktu­rierten Metro­­­­­­polregionen verstärkt sich dieses Pro­­blem durch den Mangel an Aus­gleichs­­flächen und die eingeschränkten Mög­lich­­keiten weiterer Verdichtung. Der Druck auf die Kernstadt nimmt stetig zu, ab­­ge­­­­bildet beispielsweise durch hohe Mie­­ten oder hohe Mobilitäts- und Infra­struk­­tur­­kosten. Dies führt wiederum dazu, dass insgesamt Wachs­­tumschancen nicht ge­­nutzt werden können, Dynamik ausgebremst wird und die Metropolregion lang­­fristig an Wettbewerbsfähigkeit einbüßt.


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In polyzentrischen Strukturen können diese Effekte deutlich besser abgefe­­dert werden, da die angesprochenen Problem­­­­felder weniger ausgeprägt auftreten und auf einer kleinteiligeren, lokalen Ebene gelöst werden. Die polyzentrische Struk­­­­tur ermöglicht es auch kleineren Zen­­tren, eigene Anziehungs­­kräfte zu entwickeln. Je stärker sich ein Sub-Zentrum auf spezi­­fische The­­men­­cluster konzentriert und dieses stellvertretend für die gesamte Metro­­polregion übernimmt und reprä­­sen­­tiert, desto stärker bilden sich eben diese Anziehungskräfte heraus.

Die polyzentrische Europäische Met­­ro­pol­­­­region Frankfurt RheinMain ist in die­sem Kontext bereits sehr gut auf­­ge­­stellt. Die Cluster Automation und Mate­­rial­tech­­nik haben einen klaren Schwer­­punkt in der Region Hanau. Darm­­stadt hat seine Stär­­ken im Bereich Wissen­­schaft, Luft- und Raumfahrttechnik und IT. Als Landes­­hauptstadt bildet Wies­­baden den politischen Kern der Region und verfügt zudem im Bereich Wirt­­schaft – ebenso wie die Stadt Bad Homburg – über ein starkes Profil im Bereich Consulting und in der Gesund­­heitswirtschaft. Die Stadt Frankfurt ist als internationale Metro­­pole im Bereich der Finanzwirtschaft, der Mobi­­­lität und als Messedestination positioniert. Ge­­meinsam verbindet die Region Themen wie eine hohe Lebens­­qualität, Inter­­na­tio­­nalität, einen hohen Lebens­stan­dard, kurze Wege sowie ein vielfältiges und hochwertiges Kultur- und Freizeit­an­ge­bot. Die Metropolregion Frankfurt RheinMain bietet daher den Vor­­teil, nicht ausschließ­­lich auf ein Zen­­­­trum ausgerichtet zu sein, sondern über viele zusätzliche Sub-Zentren zu ver­­fügen, die jeweils eigene starke Eigen­­profile vorwei­­sen. Die größte Heraus­­for­­derung in Regi­­onen wie Frankfurt Rhein­Main liegt je­­doch in der Gestal­­tung von effizienten Steue­­rungs­ein­hei­ten, die die Lang­fris­­­tig­­keit und Kom­ple­xität von Ent­­schei­­dungs­pro­­zes­­sen reduzieren. Dazu be­­darf es einer sehr hohen Transparenz innerhalb der Part­­ner, eines vertrauens­vollen, auch über­­par­­teilichen Mitei­nan­ders und einer engen inhaltliche nund thematischen Ver­­knüp­­fung und Abstim­mung. Ganz besondere Be­­deutung erhält hier­­bei das Thema Wis­­sensmanagement. Innerhalb einer Metro­­­­polregion müssen die Partner über alle relevanten Infor­­mationen verfügen können und die Mög­­lichkeit er­­halten, sich in die Pla­­nung und Durch­führung von Projekten aktiv einzubringen. Es muss zudem möglich sein, eigene Pro­­jekt­­vor­­schläge zu verfassen und regionale The­­men zu adres­­sieren und zu kommentieren. Es bedarf also eines „Smart-Grids“ für die Region, eines intelligenten Wis­­sens- und Kom­­mu­­nikationsnetzwerkes mit einem ge­­mein­­samen „Betriebs­sys­tem“ in Form einer einheitlichen Stra­te­gie sowie der Fest­­legung von Schwer­punkt­themen, In­­hal­­ten und Initiativen. Die Wett­­­be­­werbs­­vor­­teile ergeben sich in diesem Modell durch den Grad an Ver­­netzung innerhalb der Metropol­re­gion und die intel­­ligente Nut­­zung des Netz­­­­werkes.

Aus dem durch die Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain eingeleiteten regio­­na­­len Strategieprozess „Themenwelt“ wur­­­­­­­­­den gezielt solche Vernetzungs­pro­jekte eingeleitet. Hervorzuheben sind hier­­bei insbesondere die Cluster­ini­tia­ti­­ven House of Logistics & Mobility (HOLM), das House of IT (HIT) sowie die Initiative House of Pharma. Inner­halb dieser Kom­­­­petenz­­zen­­­­tren sollen künftig Wirtschaft, Wissen­­schaft und Politik ihre Projekte und Ini­­tia­­tiven bündeln sowie Lehre und Spitzen­­forschung angeboten werden. Diese bisher einzig­­artige Bündelung von Know-how und Ex­­pertise in einem Netz­­werk kann und soll dafür sorgen, dass Frankfurt ­­RheinMain in den genannten Be­­reichen überregional Aufmerksamkeit auf sich zieht und internationale Rele­­vanz erfährt. Dies macht es wiederum attraktiv für Unternehmen, Akademiker, junge Talente und interna­­tionale Fach­­kräfte, sich in der Region Frankfurt ­­Rhein­­­­Main anzusiedeln und sich diesen Netz­­werken anzuschließen.

Der wesentliche strategische Wettbe­werbs­­­­­vorteil der polyzentrischen Metro­­­pol­­­region Frankfurt RheinMain liegt da­­her eindeutig im Bereich der Wissens­­­ver­­net­­zung. Hier muss die Region in Zu­­kunft eine Vorreiterrolle anstreben.