Anne Eberhard: In Berlin ist auch nicht alles schön. Zur Arbeit des Goethe-Instituts in Afghanistan.

Farsad laufen die Tränen über das Gesicht. Verzweifelt ruft er nach seinem Bruder, bevor er erschöpft zusammenbricht. „Licht aus“, tönt es energisch aus dem Hinter­­grund. Und wo eben noch konzentrierte Stille herrschte, brandet nun der Applaus hunderter Hände auf. Farsad verbeugt sich kurz und lächelt schüchtern. Szenen­­wechsel auf der Bühne des National­­thea­­ters in Afghanistan.

Das Nationale Afghanische Theaterfestival, das 2011 bereits zum siebten Mal statt­­fand, gehört zweifelsohne zu den bedeutsamsten Projekten, die das Goethe-­­Insti­­tut seit seiner Wiedereröffnung im Jahr 2003 – nach zwölfjähriger Schließung und als erstes Kulturinstitut überhaupt zurückgekehrt – in Afghanistan initiiert und mitorganisiert hat. Auch das Film­­festival und vor allem auch das Nationale Literaturforum bieten heute einzigartige Plattformen für den Austausch zwischen Kulturschaffenden aus allen Provinzen, die so regelmäßig und nicht immer nur in Kabul zusammenkommen.

Der Wiederaufbau staatlicher Strukturen war und ist ein wichtiger Schritt hin zu einer funktionierenden Zivilgesellschaft. Dabei ist nicht der Wirtschaftsfaktor von Kultur entscheidend, sondern vor allem die Möglichkeit der kulturellen Teilhabe unterschiedlicher Bevölkerungs­gruppen und die Möglichkeit, in Schulen, Gemeinden und öffentlichen Institutionen ein Bewusst­­sein für die Gemeinsamkeit der afghanischen Kultur, für die Bedeutung von Bildung oder für die Beteiligung der Frauen am öffentlichen und wirtschaft­­lichen Leben zu fördern.


Neben den wieder aufgebauten, oftmals starren staatlichen Organisationen formieren sich immer zahlreichere private Initiativen junger und unabhängiger Kultur­­schaffender. Diese bringen das größte Potenzial mit, die Kunst- und Kulturszene positiv zu beeinflussen und weiter auszu­­bauen. Poetinnen und Schriftsteller treffen sich in ihren Wohnzimmern zu Literatur­­zirkeln, drucken in Eigeninitiative ihre Werke und vernetzen sich über die Provinz­­grenzen hinweg. Die Studierenden der Fakultät der schönen Künste versuchen sich in der Gründung von Theater­gruppen und Künstlervereinigungen.

Ohne die finanziellen Mittel, die dem Goethe-Institut Afghanistan – auch dank der Sondermittel des Stabilitätspaktes Afghanistan – zur Verfügung stehen, wären viele der wichtigen Aktivitäten der Außen­­kultur- und Bildungspolitik nicht denkbar. Akteure aus Provinzen zu vernetzen, die oftmals nur mit dem Flugzeug kommen können, weil die Landwege noch zu unsicher sind, kostet. Dass trotz der zum Teil noch angespannten Sicherheitslage Theater­­­­gruppen aus Kandahar im Süden, Herat im Westen, Balkh im Norden und Nangahar im Osten mit ihren unter­schied­­lichen Dia­­lekten, Sprachen und Tradi­tionen im Jahr 2011 in Kabul zusammen­­treffen und sich untereinander austauschen konnten, ist hingegen unbezahlbar. Und mit den gängigen Maßstäben der Ent­wick­­­lungs­zusammenarbeit auch nicht messbar.

Leider haben der von der internationalen Gemeinschaft unterstützte (Wieder-)Auf­­bau der Kultureinrichtungen durch zum Teil unkritische Geber und die massive finanzielle Unterstützung vielerorts auch eine Nehmermentalität und Erwartungs­­haltung gefördert, die der Übergabe der Kulturarbeit an afghanische Institutionen nicht selten entgegensteht. Hier könnten langfristig ausgelegte Vernetzungs- und Beratungsprogramme zwischen deutschen und afghanischen Kulturinstitutionen eine künstlerische und auch wirtschaftlich wirk­samere Haltung der Institutionen und Akteure fördern.

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Die nach dem Zweiten Weltkrieg zumindest in Kabul und den urbanen Zentren entstandene Kunst- und Kulturszene wurde mit dem Beginn des Bürgerkriegs bereits unterdrückt und fand ihr jähes Ende unter den Taliban oder konnte nur unter schwierigsten Bedingungen fortgeführt werden. Die durch den Einbau doppelter Wände in den Räumen der Pro­duktionsfirma vollführte Rettung des afghanischen Spielfilmarchivs, dessen Filme in den einst 17 Kinos von Kabul gezeigt wurden, ist wiederholt in deutschen Medien geschildert worden. Dass aber die Theaterabteilung der Universität Kabul trotz extremer Schwierigkeiten nie formal geschlossen wurde, ist hingegen nur wenigen bekannt. Viele afghanische Intellektuelle und Künstler hatten zu diesem Zeitpunkt ihr Land indes bereits ver­­­lassen und ihre Arbeit im Exil fortzu­­setzen versucht. So wurde im pakistanischen Peshawar mit der Literaturzeit­schrift Sapeda eine der ersten wichtigen afghanischen Kulturzeitschriften gegründet. Diese Zeitschrift als nationale Plattform für Kunst und Kultur wieder aufleben zu lassen, ist eines der neuen und langfristigen Projekte des Goethe-Instituts.
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Die Arbeit des Goethe-Instituts Afghanistan, das 1965 offiziell gegründet wurde, genießt auch deshalb ein hohes Ansehen, weil die einzelnen Projekte immer auch und vor allem in Partnerschaft mit einheimischen Institutionen und Initiativen geschehen. Impulse zu setzen und Nachhaltigkeit zu erzeugen in einem Land, das selbst noch dabei ist, sich in einigen Bereichen kulturell zu definieren und dieses durchaus selbstbewusst tut, ist weitaus wichtiger als die gediegene Repräsentation von kultu­­rellen Erzeugnissen aus dem fernen Deutschland.

Die medial bestens aufbereitete, ihren westlichen Vorbildern in nichts nachstehende Suche nach dem Afghan Superstar ist eben nur ein Teil der heutigen Kultur. Ebenso wichtig ist der innerafghanische Diskurs über die Definition eigener Werte und Traditionen und die Frage, was „afgha­­ni­­sche Kultur“ eigentlich ist. Aus einer solcherart selbstbestimmten Diskussion können entscheidende Impulse für die kulturelle und bildungspolitische Entwick­lung der afghanischen Gesellschaft er­­­­­­­­­­wach­­­sen; gerade angepasste Bildungs­pro­gram­­me und wirtschaftliches Unter­­­nehmer­­­tum hängen vom selbstständig erarbeiteten geistigen Freiraum der Ak­teure unmittelbar ab.

Wie so gemeinsam Neues entstehen kann, zeigt das Beispiel des Berliner Puppen­s­­pielers Wieland Jagodzinski, der während des vierten Theaterfestivals 2007 seinen ersten von vielen Puppentheaterwork­shops in Afghanistan gab und damit zehn junge Schauspielerinnen und Schauspieler bewegte, das Goethe-Institut um Unter­­­stützung bei der Gründung ihrer eigenen Theatergruppe zu bitten. Fachlich und organisatorisch qualifiziert bildet das Parwaz Puppet Theatre mittlerweile für das Goethe-Institut selbst eine neu ent­­standene Gruppe in Nordafghanistan aus – und spielt im Auftrag großer internationaler Institutionen vor tausenden afgha­­nischer Kinder.

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Vor allem in Hinblick auf die Infra­struktur hat sich das universitäre Bildungs­system in den letzten Jahren entwickelt. Trotz der fortdauernden inhaltlichen und konzeptio­nellen Schwierigkeiten im Bildungsbereich treibt der Bildungshunger der jungen Gene­­ration die Entwicklung weiter voran, weil sie sich eine weitere Liberalisierung und Verbesserung der Lebenssituation in Afghanistan wünscht und dafür so weit wie möglich eintritt.

Das Interesse an der deutschen Sprache ist in Afghanistan ungebrochen; seit 2011 wird der Deutschunterricht an den Uni­versi­­tätsstandorten außerhalb Kabuls noch weiter ausgebaut. Das Goethe-Institut wird diesen Prozess weiterhin technisch und inhaltlich unterstützen und fördert die sprachliche und methodisch-didaktische Fortbildung angehender und bereits tätiger Deutschlehrkräfte.

Mehdi ist noch Schüler, aber seit Jahren regelmäßig im Goethe-Institut. Architektur möchte er studieren, weil er seine Heimat­­stadt Kabul wieder aufbauen will. Wenn möglich, auch mit einem Auslands­­­semester in Deutschland. Aber weil ihm der Deutschunterricht so viel Spaß macht, hat er sich erst einmal für das instituts­interne Ausbildungsprogramm für Deutsch­­lehrer beworben. Viele der Kursteilnehmer im Goethe-Institut, das mit bis zu 1.500 Einschreibungen jährlich zu den größeren Instituten der Region gehört, lernen Deutsch aus praktischen Gründen. Sie erhoffen sich Chancen auf einen der gut bezahlten Jobs in den Projekten deutscher Entwicklungshilfeinstitutionen – oder die Möglichkeit eines Stipendiums für ein Studium in Deutschland.

Das Goethe-Institut in Kabul ist für sie ein erstes wichtiges Fenster nach Deutsch­­land. Neben der kleinen Mediothek mit ihren Lehrmaterialien und landeskundlichen Beständen gehört insbesondere der Garten zu den bevorzugten Orten des Instituts. Neben Film- und Musik­abenden sind vor allem die Pausenzeiten äußerst beliebt, die den jungen Kursteilnehme­r­innen und Kursteilnehmern ein kleines Stück Freiheit schenken, das sie sich woanders erst hart erkämpfen müssen.

Ob er denn überhaupt wieder zurück wollte aus Deutschland, wurde Mehdi nach seiner Rückkehr von einem vierwöchigen Sprachkursstipendium von vielen gefragt. „Wissen Sie, ich hätte es nicht gedacht, aber auch in Berlin ist ja gar nicht alles nur gut und schön“, entgegnete er nachdenklich. Junge Men­­­­­schen wie er werden in Afghanistan sicher noch einiges bewegen können, wenn man sie lässt.

AnneEberhard-KopieDie Autorin (Jahrgang 1979) kam nach ihrem Studium der Orientalistik zum Goethe-Institut und leitet seit 2010 das Goethe-Institut Afghanistan in Kabul.