Andrea Marongiu: Musterländle ist auch Logistikländle

Baden-Württemberg ist nicht nur innova­­tiv und erfindungsfreudig, sondern auch logistisch gut aufgestellt. Mit wachsenden Umsätzen, geografischen Veränderungen sowie einer steigenden Exportquote be­­fin­­det sich die Logistikbranche im Wandel.

Die Logistikwirtschaft des Lan­des Baden-Württemberg avancierte still und fast unbemerkt auf Platz drei im Branchen­vergleich ge­­­­mes­­­­sen am Brutto­inlands­produkt be­­­zie­­­hungs­­­­­­weise an der Zahl der Beschäf­tig­­ten. Es hat lange gedauert, bis Po­­li­tik, Wirt­schafts­­förderer, Regional­­planer und letzt­­lich auch die Bevöl­ke­rung die Bedeutung der Logistik erkannt ha­­ben. Die Akzeptanz ist in dieser Zeit zwar ge­­stiegen, doch noch immer ist die Logis­tik­­branche der wohl am stärks­­ten unterschätzte Sektor im „Ländle“. Zu sehr stehen noch die nega­­ti­­ven Kli­schees im Vordergrund, die Lo­­gis­­tik auf wenige Begriffe wie Umwelt­­ver­schmut­­zung, Stau und Lärm reduzieren.

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Es liegt noch ein gutes Stück Arbeit vor den Akteuren im Logistiksektor. Sie wol­­len die unersetzbare Funktion der Logis­­tik für eine prosperierende Export­wirt­schaft im Vordergrund sehen, wenn über den Logistikzweig diskutiert wird. Und dennoch: Die Geschichte der Logistik in Baden-Württemberg ist eine Erfolgs­geschichte par excellence, wie einige Fakten in ein­­drucksvoller Weise bestätigen: In Baden-Württemberg waren im Jahr 2009 etwa 180.000 Per­so­nen im Kernbereich der Logistik beschäftigt. Dies ent­spricht ei­­nem Anteil von 4,7 Pro­zent an der Gesamt­­be­­­schäf­­ti­gung. Unter Berück­­sich­­tigung der Beschäftigten, die in den In­­­­dustrie- und Handels­­­­­unter­neh­­­­men mit logistischen Auf­­gaben betraut sind, sind in Baden-Württemberg rund 380.000 Beschäf­tigte im Logistik­be­reich tätig – dies entspricht 9,8 Prozent der Gesamtbeschäftigung in Baden-Württemberg.

Die Umsätze der Branche in Baden-Würt­­temberg steigen stetig an. Die Kri­­sen­­jahre 2008/2009 sind überwunden, die Umsätze knüpfen wieder an frühere Er­­folge an, sodass dieser Zeitraum zwar eine Delle in der Langfristbetrachtung, aber keinesfalls das befürchtete Ende der Erfolgsstory geworden ist. Im Gegen­­­teil, die Exper­ten prognos­tizie­ren in al­­len Bereichen der Logistik Zu­­wächse. Mit der Erweiterung Europas Richtung Osten ver­­­­schiebt sich die logis­­tische und geo­­­gra­­­­fische Mitte der Euro­päischen Union eben­­falls nach Osten, wovon Baden-Württemberg allein durch seine geogra­fische Lage profitiert. Es gibt jedoch auch eine Kehr­seite der Me­­daille: der starke Zuwachs an Transit­ver­keh­ren.
Baden-Württembergs erfolgreiche Logis­tik­­­­entwicklung basiert auf einem sehr ho­­hen Anteil an Industriebetrieben, zu denen zahl­­reiche Weltmarktführer aus den Be­­rei­­chen Fahrzeugbau und Ma­­schi­­nen­bau zählen. Deren Produkte sind welt­­weit ge­­fragt – mit steigender Ten­denz. Betrug die Export­­quote Baden-Württembergs im Jahr 1970 noch 21 Prozent, so wa­­ren es 1980 be­­reits 24 Prozent, 1989 schon 29 Prozent und 2009 bereits über 36 Prozent. Unab­­ding­­bare Voraussetzung für eine weitere posi­­tive Entwicklung der Vermarktung baden-württembergischer Produkte rund um den Globus ist die enge Verflechtung zwischen Logistik und In­­dus­­trie im Land. Kurzum: Logistik leis­­tet einen entschei­denden Beitrag zur Standort­siche­rung.


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Nicht zuletzt bietet Baden-Württemberg gute Entwicklungsmöglichkeiten für Dis­­tri­­butionslogistiker, die als Versorger der Be­­völ­­kerung in den Ballungszentren des Lan­­des fungieren. Neben Karlsruhe, Mann­­heim und Stuttgart beherbergt Baden-Württem­­berg weitere sechs Städ­­te mit mehr als 100.000 Einwohnern. Das Konsumentenpotenzial beläuft sich im Land auf über zehn Millionen Men­schen. Der Versorgungs­radius der in Baden-Würt­temberg an­­ge­­siedelten Distri­bu­tions­zen­­tren weitet sich dabei immer weiter über die Grenzen des Bundes­landes aus und erreicht inzwischen euro­­päische Dimen­­sionen. Eine weitere Spit­zen­posi­tion be­­setzt Baden-Württemberg im Bereich der Intra­logistik, die alle Pro­zesse des innerbetrieblichen Material­flusses eines oder mehrerer Unter­neh­men umfasst. Baden-Württemberg hat im Ver­­hältnis zu seiner Größe die mit Ab­­stand höchste Intralogistik-Firmen­dichte unter allen Bun­­desländern, vermutlich sogar weltweit.
Eine Studie aus dem Hause Prognos stimmt die Wirtschaftsakteure im Land zuversichtlich. Derzufolge ist der Süd­westen das wirtschaftliche Kraft­zen­trum Deutschlands und hat darüber hinaus die besten Zukunftsaussichten. Von 25 deut­­schen Top-Regionen mit zukunftsfähigen Branchen befinden sich allein zehn Stand­­orte in Baden-Württemberg. Beschrieben wird eine Zukunftsachse, die von Mann­heim über Stuttgart bis nach Biberach und Tuttlingen zum Boden­­see verläuft.

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Im Land der Tüftler scheut auch die be­­ste­­hende Hochschullandschaft mit dem Schwer­­punkt Logistik keinen Ver­gleich. Ne­­ben den Traditionsschmieden in Heil­­bronn, Mannheim und Lörrach, welche bereits vor Jahrzehnten ihren Schwer­punkt in der Ausbildung logistischer Führungs­­kräfte setzten, bildete sich ein dichtes Netz von Hochschulen, die zahlreiche Studien­gän­­ge im Bereich Logistik an­­bie­­ten. Ein landes­weites Logis­­tik­­netz­werk soll nun dazu beitragen, die Zusammen­arbeit zwischen Unter­neh­men, Hoch­schu­­len, Forschungs­ein­rich­tun­gen und ande­­ren Logistik­ak­teu­­ren zu ver­bes­­sern. Hierzu hat das baden-würt­tem­­ber­gi­sche Wirt­schafts­minis­terium einen Wett­­be­­werb initiiert, um eine förde­rungs­wür­dige Ini­­tia­­tive mit der Cluster­aufgabe zu be­­trauen. Der Logistikcluster soll den Techno­lo­gie­transfer zwischen Unter­neh­men und wirt­­schaftsnahen Ein­­rich­tun­gen stärken, externes Wissen in den Inno­va­tions­­pro­­zess der Unter­neh­men einbinden, den Erfah­­rungs­­­austausch unter Logistik­­akteuren erleichtern und die Wett­­bewerbs­­fähig­keit und Inno­va­tionskraft vor allem von kleineren und mittleren Unternehmen verbessern.

Achillesferse bleibt in Baden-Würt­tem­berg indes der lange Jahre vernachlässigte Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Dies gilt hauptsächlich für die Straße, aber ebenso für Schiene, Binnen­was­ser­­stra­­ßen und den Landesflughafen in Stuttgart. Bei einem stetig wachsenden Trans­port­­auf­­kommen im Straßen­güter­fern­ver­kehr und einem stark zunehmenden Transit­ver­kehr setzen sich Verbände und Kam­­mern des Landes dafür ein, dass öffent­­liche Mittel für den Ausbau der Verkehrs­infra­struk­tur strikt dort investiert werden, wo es Eng­­pässe zu beseitigen gilt.

Bild-Marongiu-3Der Diplom-Betriebswirt (FH) hat an der Fachhochschule Heilbronn Verkehrs­­­be­­triebs­­­­­wirt­­schaft studiert. Nach dem Stu­­dium stieg er als Assistent des Geschäfts­­­­füh­­rers beim Verband Spedition und Logistik Baden-Württemberg e.V. ein, wo er im Jahr 2000 zum stellvertre­ten­­den Geschäfts­­führer ernannt wurde. Seit 2009 ist der Autor Geschäftsführer des Verbandes Spe­­di­­tion und Logistik Baden-Württemberg e. V.