André Hofmann: Der Blick über den Tellerrand

15 Jahre nach Start der sächsischen Biotechnologie-Offensive setzt die Branche auf interdisziplinäre Vernetzung.

Biotechnologie in Sachsen. Rund um das Thema Lebens­wis­senschaften hat sich in Sachsen in den vergangenen Jahren ein agiles und innovatives Cluster entwickelt, das vom biosaxony e. V. betrieben wird. Als gesamtsächsisches Netz­­werk repräsentiert der biosaxony e. V. die Bio­­technologie sowie die daran angrenzenden Bereiche, von den Ingenieur­­wissen­schaften über Material­­wis­­s­­en­­­­schaft bis hin zur Me­­di­­zin­­technik. Als Quer­­­schnitts­­technologie ist die Biotechnologie für eine Vielzahl an Hightech-Branchen von großer Be­­deutung und immer mehr Branchen nutzen bio­­­­technologische Ver­­fahren.

Der Freistaat Sachsen und die Kom­­munen haben in den letzten 15 Jahren einen systematischen Auf­­bau der Le­­bens­­­­wissenschaften betrieben und wesentlich zur Etablierung des Bio­­technologie-Standorts Sachsen bei­­­­g­­­etragen. Mit der sogenannten Bio­­­­technologie-Offensive erfolgte die kon­­krete Unterstützung der öffent­­lich ge­­förderten Wissenschaft in diesem Be­­reich. Daraus hat sich eine starke uni­­versitäre und außeruniversitäre Forsch­­­­ungs­­l­andschaft von internationalem An­­sehen entwickelt, die außerdem die Basis für einen aus den Lebenswissenschaften entstandenen Wirt­schafts­zweig bildet.

Inzwischen existieren in Sachsen 45 Bio­­tech­­no­­logie-Unternehmen, die sich vorrangig mit roter Bio­­techno­­logie beschäftigten. Die Biotechnologie ist jedoch auch mit verschiedenen anderen Branchen eng verknüpft und schafft hier neue Anwendungsmöglichkeiten. So findet man in Sachsen mehr als 200 assoziierte Unter­nehmen, die nicht direkt biotechnologisch tätig sind, aber wesentlich zur Wert­­schöpfung der Biotechnologie beitragen. Im Ver­­gleich zu den letzten Jahren war eine deutliche Weiterent­wick­­lung dieser jungen Branche zu erkennen. So stieg im Vergleich zu 2012 der Anteil der wirt­­schaftlich selbstständigen, dedizierten Biotech-Unter­nehmen deutlich an. Außerdem konnte eine Zunahme der Mit­ar­­beiter­­zahlen verzeichnet werden.

Die Lebenswissenschaften mit der Biotechnologie als Zug­­pferd haben in Sachsen eine wissenschaftliche und wirt­­schaftliche Bedeutung erlangt und bilden ein wichtiges Stand­­bein des Hightech-Standorts mit bedeutendem Zukunftspotenzial.

Die strategische Entwicklung des Hightech-Standorts. Sachsen und insbesondere Dresden haben eine lange Tra­­dition als Pharma-Standort, die bis zum Ende des 19. Jahr­­hunderts zurückgeht. Friedrich von Heyden entwickelte das erste industrielle Verfahren zur Produktion von Salicyl­säure, den Ausgangs­­stoff für Aspirin, und gründete 1874 eine Fabrik in Radebeul. Die Salicylsäurefabrik legte den Grundstein für einen be­­deutenden Pharma-Stand­­ort, der 1961 Teil des VEB Arznei­mittelwerk Dresden wurde und noch heute als Sitz der Arevi­­pharma GmbH aktiv ist. Nach der Wende zerfiel mit dem Arznei­­mittelwerk Dresden der größte Pharma-Betrieb der DDR.

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Im Jahr 2000 entschied der Freistaat Sachsen, strategisch in die Biotechnologie zu investieren und damit ein Hightech-­­Standbein aufzubauen. Über 200 Millionen Euro wurden über fünf Jahre in Infrastruktur und Wissenschaft investiert, um die notwendigen Rahmenbedingungen für die Ent­wick­­lung eines neuen Wirtschaftszweiges zu schaffen. Seither waren Folgeinvestitionen in vielfacher Höhe zu verzeichnen.

Die Entwicklung dieser Offensive wurde zunächst von der Sächsischen Koordinierungsstelle für Biotechnologie ge­­steuert. Im Jahr 2009 löste der biosaxony e.V. als Branchen­­verband die Koordinierungsstelle ab. Inzwischen hat sich dessen Mit­­gliederzahl – ausgehend von 22 Gründungs­­mitgliedern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung – verfünffacht.

Ein wesentliches Ergebnis der Biotechnologie-Offensive war der Bau zweier Gründerzentren, des BioInnovations­Zentrum sDresden und der BIO CITY Leipzig. Außerdem folgte in diesem Zuge die Ansiedelung von Max-Planck-Instituten und Fraunhofer-Instituten, wie zum Beispiel dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Leipzig. Das IZI hat wesentlich zur Stärkung der regionalen Wirt­­schaft beigetragen. Zehn Jahre Geschäfts­be­trieb führten zur Ansiedlung und Ausgründung von 13 Unternehmen.

Seither haben sich die Lebenswissenschaften dynamisch ent­­wickelt und Sachsen hat eine international wettbewerbs­fähige Forschungsposition erreicht. Heute gelten die Lebens­­wis­­sen­­schaften als eine der fünf sächsischen Kern­­kompetenzen.

biosaxony e. V. – Netzwerk der sächsischen Biotechnologie. Das grundlegende Ziel von biosaxony ist es, die Leistungs­­fähigkeit der sächsischen Lebenswissenschaften unter aktiver Einbeziehung der Akteure aus allen Regionen des Frei­­staates weiter zu steigern. Ein Wachstum der Branche kann nur erreicht werden, wenn stetig Innovationsimpulse ge­­geben werden und Technologietransfer aktiv unterstützt wird.

Innovationsimpulse bilden Ausgangspunkte für neue Ideen und Erfindungen mit wirtschaftlicher Bedeutung. Hierfür ist das Beschreiten neuer Wege erforderlich, zum Beispiel in Form interdisziplinärer Kooperationen. biosaxony fördert dies, in­­dem sächsischen Akteuren der Austausch mit anderen Regionen und Branchen ermöglicht wird, wie bei­­spiels­­weise im Projekt „Aktionsplan Medizintechnik“ zu­­sammen mit der BioRegio STERN Management GmbH aus der Region Stuttgart. Die regionale und überregionale Netzwerk­arbeit ist eine Möglichkeit, neue Wege zu explorieren und damit neue Anwendungsfelder, neue Produkte und neue Märkte zu schaffen. Die Zusammenarbeit von biosaxony und Silicon Saxony im Rahmen des von der EU geförderten C3-Saxony-Projekts kombiniert die Schlüssel­­tech­nologien Biotechnologie und Informations-/Kommuni­­kationstechnik. C3-Saxony ist ein Cross-Cluster-Projekt zwischen biosaxony, Silicon Saxony, der Agil GmbH und der Wissensarchitektur der TU Dresden und wird vom Staats­­ministerium für Wirt­schaft, Arbeit und Verkehr (SMWA) koordiniert. Zum Arbeits­­­­programm gehören unter anderem die Betreuung und konkrete Unterstützung interdisziplinärer Projekte durch die Vergabe von Innovations­gut­­scheinen, Besuche anderer Cluster sowie die Erstellung eines Inkubatorkonzepts. Die Initiierung neuer Ideen ist maßgebend für die Inno­­va­­tions­kraft der Branche, ihr wirtschaftlicher Erfolg wird jedoch ebenso von der Begleitung bestehender Projekte bis hin zur Marktreife bestimmt. Dieser Wissens- und Tech­­nologie­transfer ist ein weiterer Aufgabenbereich von bio­­saxony, um aus dem wissenschaftlichen Potenzial wirt­­schaftliche Erfolge zu machen. Hierzu wurde zusammen mit der Landeshaupt­­stadt Dresden das Konzept der Tech­­nologietransfermesse bionection entwickelt. Nach der Premiere in Dresden mit über 200 Teilnehmern aus zehn Ländern fand die bionection in diesem Jahr in Leipzig statt. In Form eines Technologieschau­fensters wurden Projekte von Wissenschaftlern einem breiten Publikum vorgestellt, um Know-how aus Sachsen regional, national und international zu vermarkten. Im Partnering konnten Kooperationen angebahnt und Kontakte ge­schaffen werden. Mit der bionection hat biosaxony ein Instrument für erfolgreichen Technologietransfer etabliert, das Wissenschaft und Industrie zusammenbringt.

Ausblick. Der biosaxony e.V. wurde als Interessen­vertretung der sächsischen Biotechnologiebranche ge­­gründet. Da jedoch die vielfältigen interdisziplinären Anknüpfungs­punkte an andere Technologiefelder zunehmend an Be­­deutung gewinnen, wird biosaxony in Zukunft noch stärker Verknüpfungen mit anderen Branchen aufbauen. Im Fokus stehen derzeit die Medizintechnik und die Gesundheits­­wirtschaft, die den Clusterakteuren der Bio­­technologie neue Anwendungsmöglichkeiten und Märkte eröffnen können.

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Der Autor leitet als Geschäftsführer des biosaxony e.V. das sächsische Life-Sciences-Cluster biosaxony. Außerdem ist er Geschäftsführer der biosaxony Management GmbH und der BIO-NET LEIPZIG Technologietransfergesellschaft mbH. Nach seinem Studium der Medizintechnik/Biotechnologie forschte er als Wissen­­schaftler am Max-Bergmann-Zentrum für Biomaterialien Dresden. Von 2007 bis 2012 arbeitete André Hofmann als Kompetenzfeldmanager Life Sciences/Bio­technologie bei der Stadt Dresden.