Alexander Zeihe: Die nachhaltige Forstwirtschaft in Deutschland als internationales Vorbild: Wald als Wirtschaftsfaktor, Klimaschützer und Erholungsraum

Deutschland kann stolz sein auf seinen Wald. Als Erholungsort, als ökologisch ­wertvoller Raum und als Wirtschaftsfaktor entwickelt sich dieser Schatz der Natur seit Jahren immer besser. Die treibende Kraft hinter diesem positiven Trend sind ­insbesondere die über zwei Millionen Waldeigentümer, über 3.000 davon allein in Brandenburg, die durch die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW – Die Waldeigentümer) vertreten werden.

Deutschland zählt zu den waldreichen Ländern innerhalb der Europäischen Union: Mit rund 11,4 Millionen Hektar und einer Waldfläche, die gut ein Drittel unseres Landes mit Bäumen bedeckt, liegen wir fast an der Spitze. Im Durch­­schnitt kommen auf einen Hektar Wald sieben Ein­­wohner. Unsere waldreichen Nachbarländer wie die Schweiz kommen auf sechs, Frankreich auf etwa vier und Öster­­reich auf gut zwei Bewohner je Hektar. An die 90 Milliarden Fichten, Kiefern, Buchen, Eichen und seltenere Baumarten prägen das Gesicht unseres Waldes. Brandenburg besitzt mit rund 1,1 Millionen Hektar die sechstgrößte Wald­fläche unter den Bundesländern. Neben einer Vielfalt von Bäumen dominiert die Kiefer das Waldbild dieses Bundeslandes.

Die dritte und damit aktuelle Bundeswaldinventur aus dem Jahr 2012, die in regelmäßigen Abständen vom Bundes­­ministerium für Ernährung und Landwirtschaft durchgeführt wird, belegt: Dem Wald in Deutschland geht es gut. Unsere Waldfläche ist konstant geblieben. Im Vergleich zur zweiten Waldinventur stehen einem Waldverlust von gut 58.000 Hektar rund 108.000 Hektar neuer Wald gegenüber. In der Summe hat die Waldfläche somit um 50.000 Hektar zugenommen. Dieser gute Zustand ist das Ergebnis der nachhaltigen Forstwirtschaft in Deutschland, die mit ihrer Vielzahl an Eigentümern und Förstern für stabile und vitale Wälder sorgt.

Unser Wald hat vielfältige Funktionen: Mit einem Umsatz von rund 180 Milliarden Euro, gut 130.000 Unternehmen und an die 1,2 Millionen Beschäftigen ist das gesamte Cluster Forst und Holz ein starker Wirtschaftsfaktor. Die gesamte Wertschöpfungskette reicht von der Pflanzung eines Baumes über seine Ernte und Verarbeitung bis zur Produktion von Bauholz, Möbeln oder Bleistiften. In Bran­den­­burg gehört die Forst- und Holzwirtschaft zu der führenden Wirtschaftsbranche: Sie zählt mit rund 15.000 Beschäftigten zu den bedeutendsten Arbeitgebern – gerade im ländlichen Raum. Jährlich werden fast drei Millionen Fest­­­­meter Kiefer geerntet und weitgehend auch im eigenen Land be- und verarbeitet. Damit ist Brandenburg Spitzen­­produzent von Kiefernholz in Deutschland.

Der Wald ist ein bedeutender Klimaschützer. Fast 1,2 Milliarden Tonnen Kohlendioxid sind derzeit in Bäumen und Totholz gebunden, weitere 850 Millionen Tonnen in Streuauflage und Boden. Allein der Wald in Deutschland entlastet die Atmosphäre jährlich um rund 52 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Gleichzeitig wird Kohlendioxid im Holz gespeichert, das später in Form von Regalen, Stühlen oder Tischen in unseren Häusern zu finden ist. Daher macht sich unser Verband dafür stark, den Holzbau in Deutschland aus der Nische herauszuholen: Denn das Bauen mit Holz ist die effizienteste Methode, Klimaschutz und gesundes Wohnen zu verknüpfen.

Der Wald ist ein Erholungsraum. Die vielen Waldeigentümer und Förster sorgen nicht nur für die Bewirtschaftung des Waldes. Dadurch dass sie den Wald nützen, schützen und pflegen sie ihn. Sie sorgen dafür, dass der Wald begehbar ist, und dass sich Wanderer und Spazier­gänger aus den Städten dort er­­holen und ihre Seele baumeln lassen können. Auß­­erdem erhalten sie den Lebens­­raum für eine Vielzahl von Tieren und Pflan­­zen – für Vögel, In­­sekten und Sträuch­er, die ge­­­schützt und eben­­falls ge­­pflegt werden müssen.

_KAI0325

Immer wieder stel­­len die Wald­­­­eigen­tümer diese Vielfalt in den Vor­­der­grund. Sie machen deutlich, dass Ökono­­mie und Ökologie zwei Seiten einer Medaille sind und sich gut ergänzen. Für unseren Ver­band, der die Inter­essen von über zwei Mil­­lionen Wald­eigen­­tümern in Deutsch­­­­land vertritt, ist die multi­funk­­ti­­onale Forst­wirt­schaft daher die entscheidende Voraus­setzung für die Vielseitigkeit des Waldes. Eine einseitige Sicht oder gar eine Romantisierung des Waldes geht an der Tatsache vorbei, dass der Wald immer eine Kultur­­landschaft war, die dem Menschen das Leben und Über­­leben in der Natur überhaupt erst möglich gemacht hat.

Von den 11,4 Millionen Hektar Wald in Deutschland sind 67 Prozent Privatwald sowie Kommunal- und Körper­schaftswald. Fast die Hälfte (48 Prozent) dieser 11,4 Millionen Hektar sind Privatwald. Dabei bestehen er­­hebliche regionale Unter­­schiede. Der Anteil des Privat­waldes reicht von 24 Prozent in Hessen bis 67 Prozent in Nordrhein-Westfalen. Er über­­wiegt in den dünner be­­­siedelten ländlichen Regionen und ist zu weiten Teilen klein strukturiert und zersplittert. Rund die Hälfte der Privatwaldfläche teilen sich Betriebe mit weniger als 20 Hektar. Nur 13 Prozent gehören zu Betrieben mit einer Größe über 1.000 Hektar. Die Eigentums­struk­­turen haben sich historisch und regional unterschiedlich entwickelt: Die Klein- und Kleinstwaldflächen in Privat­besitz sind vielfach im Zuge der historischen bäuerlichen Be­­siede­­lung oder durch Erbteilung, Teilung der Allmende oder Aufforstung landwirtschaftlicher Flächen entstanden.

Während sich die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Wald­­be­­sitzerverbände (AGDW – Die Waldeigentümer) für die Interessen der privaten, kommunalen und körperschaft­lichen Wald­eigen­­­­tümer auf der bundespolitischen Bühne in Berlin stark macht, werden die Interessen der Wald­eigentümer in Bran­­den­­burg von ihrem Waldbesitzer­verband, der im Jahr 1990 gegründet wurde, mit viel Engagement vertreten. AGDW und Waldbesitzerverband streben die Er­­haltung und För­­de­r­ung der Nutz-, Schutz- und Erholungs­funktion des Waldes an. Der Brandenburger Verband hat über 3.000 Mitglieder, die rund 100.000 Hektar Forstbetriebsfläche bewirtschaften.

In Gesprächen mit Waldeigentümern wird immer wieder die enge Verbundenheit mit dem Wald deutlich – wenn es heißt: „Wald ist unser Leben.“ Viele von ihnen fühlen sich ihrem Wald besonders verbunden, sei es weil sie ihn in neunter oder zehnter Generation bewirtschaften und ihn an ihre Kinder weitergeben werden. Sei es, weil sie Wald erworben und sich für seine Pflege und Vitalität verantwortlich fühlen. Ein nachhaltiges und generationenübergreifendes Denken ist selbstverständlich. Daher basiert die nachhaltige Forst­­­­­­wirtschaft in Deutschland auf den drei Säulen: Öko­nomie, Ökologie, So­­ziales. Nachhaltigkeit heißt, das Ökosystem Wald zu schützen, damit auch die kommenden Genera­tionen davon leben können. Wer Wald bewirtschaftet, denkt nicht kurzfristig, sondern in langen Zeiträumen.

Vorbild ist der sächsische Berghauptmann Carl von Carlowitz, der vor rund 300 Jahren mit seiner Schrift, der Sylvicultura oeconomica, das Prinzip „Nach­­haltigkeit“ erfunden hat. Auf seiner Reise durch Europa hatte er beobachtet, dass Erzgruben und Schmelz­hütten, aber auch Bevölkerungs- und Städte­wachs­­tum zu einer rücksichtslosen Abholzung geführt haben. Ein geregelter Waldbau und Aufforstungspro­gramme existierten nicht. Daher forderte er in seiner Schrift, respektvoll und pfleglich mit der Natur und ihren Rohstoffen umzugehen. Er kritisierte den auf kurzfristigen Gewinn aus­­gelegten Raubbau der Wälder. Für die Wald­­eigen­­tümer ist das Prinzip der Nach­­haltigkeit daher die Grundlage des Wirtschaftens.

Viele von ihnen lassen sich über PEFC (Pro­gramme for the Endorsement of Forest Certi­fication Sche­­mes) zertifizieren. Dabei handelt es sich um eine Art „Wald-TÜV“ und damit um die welt­weit größte und einzig unab­­hängige Institution zur Sicher­­stellung nachhaltiger Waldbe­­­­wirtschaftung durch ein internationales Zertifizierungs­system. Allein in Deutsch­land sind rund zwei Drittel des Waldbestandes und damit über 7.500 Betriebe bereits PEFC-zertifiziert. Damit hat die nachhaltige Forst­­wirt­schaft international eine Vor­bildfunktion. Waldeigen­tümer und Förs­­ter aus Asien oder Afrika schauen mit einer großen Portion Neugier auf unsere Waldbewirtschaftung. Sie schauen nach Deutsch­land, weil die Waldeigentümer und Förster Nachhaltigkeit leben und damit für Stabilität und Verläss­lichkeit sorgen – und das auf unspektakuläre Art.

www.waldeigentuemer.de
www.waldbesitzerverband-brandenburg.de

Portrait_Alexander_ZeiheAlexander Zeihe
Der Autor ist seit 2014 Hauptgeschäftsführer der AGDW – Die Waldeigentümer. Er diente zunächst als Zeitsoldat in der Marine. Während dieser zwölf Jahre erwarb er den Hochschulabschluss in Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Betriebs­wirtschaftslehre. Als Adjutant beriet er vier Jahre lang den Bundespräsidenten. Danach wechselte er in die private Wirtschaft zu einer bekannten Versicherung. Für sie wirkte er als Direktionsbevollmächtigter in Hamburg, bevor er 2012 zum Hauptstadt- und Verbandsbevollmächtigten des Konzerns in Berlin berufen wurde.