Albrecht Martin Bähr & Sylvia Fink: Die Freie Wohlfahrtspflege als Wirtschaftsfaktor in Rheinland-Pfalz

Die Verbände der freien Wohlfahrtspflege gehören traditionell zu den wesentlichen Akteuren der Sozialwirtschaft in Deutschland und zählen hierzulande zu den ­größten Arbeitgebern. Die Sozialwirtschaft zeichnet sich durch eine überaus  ­starke Einbettung in die Wirtschaftsstrukturen vor Ort aus. Dabei verbleiben Beschäftigung und die  von den sozialen Unternehmen ausgehenden  Einkommens- und Investitionsimpulse fast vollständig in der jeweiligen Region. Somit ist der Sozialsektor selbst ein wichtiger Wirtschaftszweig, der Arbeit bietet, Innovationen schafft und zum Wohlstand der Region beiträgt.

Vorstand der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege (ohne Vertreter der AWO), vlnr: Hans-Jürgen Eberhardt (Caritas), Regine Schuster (Der PARITÄTische), Albrecht Bähr (Diakonie), Anke Marzi (DRK).

Die Sozialwirtschaft wird in der allgemeinen Betrachtung und in öffentlichen Diskussionen in erster Linie als großer Kosten­faktor angesehen. Die seit über zehn Jahren geführte Debatte um die Notwendigkeit einer „Öko­nomi­­sierung des Sozialen“ sowie ihre praktischen Auswirkun­­gen legt den Gedanken nahe, „Soziales“ und „Wirtschaft“ als bis dato strikt voneinander getrennte Sphären nun gemeinsam zu be­­trachten. Dabei ist es keineswegs so, dass die Begriffe Effizienz und Effekti­­vität innerhalb der Aktivitäten So­­zialer Ar­­beit vorher keine Rolle gespielt hätten. Gleiches gilt für das Thema „Geld“. Oft wird der Vorwurf erhoben, dass im So­­zialbereich – anders als in der Wirtschaft, wo“ Geld verdient“ wird – öffentliche Mittel „verschwendet“ würden.

Wie viel betriebswirtschaftliches Denken kann die Sozial­­­pädagogik vertragen, ohne sich ihrer Qualität und Für­sorg­­lichkeit zu berauben? Verschiedene Quellen sprechen in diesem Zusammenhang von einer Kommodifizierung sozialer Hilfen, d. h. die Leistungen sozialer Arbeit werden zur Ware, die aus Kostengründen beliebig gestückelt und deren Qualität aus denselben Gründen flexibel angepasst und unter Effizienz­­gesichtspunkten überprüft werden kann. Es ist in diesem Zu­­sammenhang aber zu bedenken, dass die Be­­stimmung von Effizienz (die angibt, mit welchem Aufwand ein Effekt erzielt wird) allerdings die Möglichkeit der Ermittlung von Effektivität voraussetzt. Dieser Aspekt ist z.B. in der Jugend­­hilfe in der Regel schwer feststellbar. Ob die angebotenen Leistungen effektiv sind, erfordert eine kontinuierliche und langfristige Bestimmung der Ergebnisqualität, die bei sozialen Dienst­­leistungen nur bedingt zu leisten ist.

Leistungen für vier Millionen Bürger. Das Gesundheits- und Sozialwesen zeichnet sich als Wirt­schafts­­­­zweig aus, in dem die Leistung und der Nutzen für die Gesell­schaft durch Er­­ziehungs-, Betreuungs-, Beratungs-, und Bildungs­angebote im Vordergrund stehen. Die Aufgaben und Dienst­­leistungen in diesem Wirtschaftszweig werden von freigemeinnützigen Trägern, Kirchen und darüber hinaus auch von örtlichen und überörtlichen öffentlichen Trägern sowie privatgewerblichen Trägern und Betrieben übernommen. Aufgrund ihres um­­fang­­­reichen Leistungsangebots stellt die Gesundheits- und Sozialwirtschaft auch einen wesentlichen Bestandteil in der Beschäftigungslandschaft dar. In den Einrichtungen aller Träger der Freien Wohlfahrtspflege finden alleine in den B­e­reichen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, Behinderten­hilfe und Pflege über 145.000 Be­­schäftigte einen Arbeitsplatz. Damit arbeiten etwa 14 Pro­zent aller Beschäftigten in Rhein­­land-Pfalz in diesem Sektor. So ist die Gesundheits- und So­­zialwirtschaft neben dem ver­­arbeitenden Gewerbe (25 Pro­zent aller Be­­schäftigten in Rhein­­land-Pfalz) und dem Handels­sektor (14 Pro­zent aller Be­­schäftigten in Rheinland-Pfalz) ge­­­messen an ihrer Beschäftigungsgröße einer der bedeutends­ten Sektoren des Bundeslandes.

Das hohe Maß an Beschäftigungsver­hältnissen wirkt sich wiederum positiv auf die regionale Wirt­­schaft aus. So fließen über 70 Prozent der Leistungsentgelte und Fördermittel der öffentlichen Hand durch direkte und indirekte Zahlung von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen der Einrichtungen wieder an Bund, Land und Kommunen zurück. Von den Ausgaben für Sachgüter, Dienstleistungen und Investitionen, die die Träger der Freien Wohlfahrtspflege tätigen, ver­­bleiben mehr als 75 Prozent in der Region (50 km Umkreis) und führen da­­durch zu weiteren Beschäftigungsverhältnissen in anderen Bran­chen. Trägt man die direkten, indirekten und induzierten Rück­­flüsse an die öffentliche Hand zusammen, so zeigt sich, dass über die Hälfte der Ausgaben der öffentlichen Hand direkt oder indirekt wieder zurückfließen. Für die Ausgaben der öffentlichen Hand bedeutet das, dass von einem Euro, der in die So­­zialwirtschaft in Rheinland-Pfalz investiert wird, über Steuern und Sozial­­versicherungsbeiträge durchschnittlich 40 Cent un­­mittelbar an die öffentliche Hand zurückfließen. Alle Mit­ar­bei­tenden in den in einer Studie im Jahr 2014 untersuchten  Se­­ktoren der Sozial­wirt­­s­chaft in Rheinland-Pfalz verfügen über ein Netto-Ein­kommen von ins­­gesamt ca. 1,2 Milliarden Euro. Abzüglich einer angenommenen Sparquote von 11 Prozent und unter Ein­be­ziehung ausschließlich von Mitarbeitenden aus der Region ver­­bleiben ca. 970 Mil­lionen Euro, mit denen Konsum getätigt wird. Die Mitarbei­tenden der LIGA-Verbände stärken alleine aufgrund des Konsums in ihrer Region 12.430 Beschäftigungs­­ver­­hält­nisse bzw. knapp 10.000 (Vollzeitstellen) in anderen Branchen.

Ehrenamtliche Tätigkeit als wirtschaftlicher Faktor. Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege, die auch in der „Bundes­­­ar­beits­­­­ge­­mein­­­schaft der Freien Wohlfahrtspflege“ organisiert sind, zählen in der BRD längst zu den größten Arbeitgebern. Zugleich engagieren sich in ihnen über eine Million Menschen ehrenamtlich und tragen so zur sozialen Stabilität des Landes bei. Die Tätigkeits­felder sind vielfältig und reichen von der Säug­­lings- und Alten­pflege über Prä­­vention und Versorgung bis hin zur Bildungs­­för­derung und Seel­sorge. Durch die ehrenamtlich Tätigen werden in erster Linie zu­­sätzliche Leistungen in der Betreuung und Beratung erbracht, die die grundlegen­­den Arbeitstätigkeiten in den jeweiligen Sozial­wirtschafts­­be­reichen ergänzen. Nach Schät­zungen der BAGFW engagieren sich deutschlandweit zwischen 2,5 und 3 Millionen Menschen – das ist etwa ein Zehntel aller ehrenamtlich Täti­gen –  in den Arbeitsbereichen der Freien Wohlfahrtspflege. Die Anteile der Beschäftigten der Freien Wohl­­fahrts­­pflege an der Gesamtbeschäftigung und auch am GuS-­­Wirtschafts­be­reich sind über die letzten Jahre konstant ge­­blieben. 2012 be­­trug die gemeldete Zahl der Ehrenamtlichen bei den Ver­­­­bänden der Freien Wohl­­fahrtspflege in Rheinland-Pfalz 30.544 Personen. Zu­­dem werden die hauptberuflich Beschäftigten der LIGA-Ver­­bände in ihrer Ar­­beit durch weitere 3.549 geringfügig Be­­­­schäftigte unterstützt.

Mehr als die Summe seiner Teile. Sozialwirtschaftliche Ein­rich­­­­tungen leisten auf den zweiten Blick viel mehr für verschiedene Personengruppen der Gesellschaft sowie für die Infra­struktur und andere Institutionen. Diese Mehrwerte können nicht ohne weiteres monetär bewertet werden, tragen aber zu­­sätzlich zur Bedeutung der Sozialwirtschaft bei. Ein zusätzlicher nicht messbarer monetärer Wert liegt auch darin, jungen Men­schen die Möglichkeit zu eröffnen, in den Einrichtungen und Fach­­schulen Berufsausbildungen zu absolvieren oder Anerken­nungspraktika zu machen. Die Wohlfahrtsverbände spielen somit auch eine wichtige Rolle im beruflichen Ausbildungssystem.

Fasst man diese Befunde zusammen, dann zeigt sich in aller Deutlichkeit die erhebliche Bedeutung der Sozialwirtschaft als regionaler Wirtschaftsfaktor. An dieser Stelle sei nur an­­gemerkt, dass es sich zugleich um Bereiche handelt, die kaum oder so gut wie gar nicht verlagerungsfähig sind, beispiels­­weise ins Ausland.
Die Befunde über die regionalen Ausstrahlungseffekte aus den Einrichtungen und den Diensten der Sozialwirtschaft legen auch die Schlussfolgerung nahe, dass man diesen Bereich nicht nur sozialpolitisch betrachten und bewerten darf, sondern dass die Sozialwirtschaft auch in der Wirtschaftsförderung Berück­sichtigung finden sollte.

Fakt ist, dass die Einrichtungen der Sozialwirtschaft einen wesent­­­­­lichen Beitrag zur Steigerung der Lebensqualität für die betreuten Menschen und ihre Angehörigen sowie die eigenen Be­­schäftigten leisten.
Albrecht Martin Bähr
Albrecht Martin Bähr studierte evangelische Theologie und war von 1991 bis 2002 Inhaber der Pfarrstelle Limbach-Altstadt. Von 2002 bis 2010 war er Beauftragter der  Diakonischen Werke  am Sitz der Landesregierung in Rheinland-Pfalz. Seit 2011 ist Albrecht Martin Bähr Landespfarrer des Diakonischen Werkes, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der  Diakonie in Rheinland- Pfalz sowie 2015 und 2016 Vorsitzender des LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz e.V.
Sylvia Fink
Sylvia Fink absolvierte nach ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau ein Diplom­­studium der Erziehungs­­wissen­schaften. Sie war tätig als Schuldnerberaterin sowie wiss. Mitarbeiterin an der Uni­versität Mainz (Schuld­­ner­­fachberatungszentrum), Vorstandsreferentin (Diakonie, 2001-2007), Referentin für Schuldnerberatung und für Gemeinwesenarbeit (Diakonie, 2007-2010). Seit November 2010 ist Sylvia Fink Geschäftsführerin des LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz e.V.