Albert Filbert: Vorsorgen statt Versorgen

Die klassische Daseinsvorsorge muss vor dem Hintergrund von Klimawandel und Ressourcenverknappung neu überdacht werden. Den Zugang zu Energie, Strom, Wärme und Wasser zu ermöglichen ist nur noch ein Teil dieses Auftrages. Wer diesen heute wirklich ernst nimmt, muss dafür sorgen, dass die Menschen mit dem Verbrauch dieser Güter nicht ihre eigene Lebens­grundlage zerstören. Gerade im Bereich der Energiever­sorgung muss an der Lösung des Kohlendioxid-Problems (CO2) gearbeitet werden, um die damit verbundenen Auswirkungen auf das Welt­klima zu kontrollieren und letztlich die Bewohnbarkeit unserer Welt zu sichern.

Ein großes Potenzial im Bereich der erneuerbaren Energien in Deutschland hat die Windkraft. Deshalb werden in den nächsten Jahren verstärkt Inves­ti­tionen in diesem Bereich getätigt werden. Ein Energielieferant der Zukunft ist natürlich auch die Sonne. Wenn wir es schaffen, die technischen und politischen Voraussetzungen für ihre Nutzung zu schaffen, wäre das Problem der Energie­erzeugung für kommende Generationen gelöst. Aber auch schon heute, mit den für uns nutzbaren regenerativen Energien, wären theoretisch sieben Bundesländer in der Lage, sich komplett mit Ökostrom zu versorgen.
Von der Standardversorgung zur modernen Daseinsversorgung. Die HSE (HEAG Südhessische Energie AG) in Darmstadt steht seit 1912 für eine verlässliche Energieversorgung in der Region und ist inzwischen ein Vorreiter der in Deutsch­land eingeleiteten Energiewende. Ange­sichts der globalen Klimaerwärmung, der Risiken der Atomenergie sowie der ungeklärten Entsorgung von radioaktiven Abfällen setzt sich der Konzern seit einigen Jahren für eine nachhaltige und atomkraftfreie Energiever­sorgung ein, um die natürlichen Lebensgrund­lagen zu erhalten und darüber hinaus die Entwick­lungs­chancen kommender Generationen zu bewahren.

Der Umbau zu einem der Nachhaltigkeit verpflichteten Energieversorger war keine rein ökonomisch-taktische Ent­scheidung. Der Wandel beruht auf der Überzeugung, das gesellschaftlich Not­­wendige und Richtige zu tun. Die Strategie ist zugleich Wegbereiter und Masterplan für eine klimaneutrale Ener­gie­versorgung. Der „Darmstädter Weg“ in Richtung nachhaltige Energie­­ver­sorgung basiert auf dem Dreiklang CO2 vermeiden, verringern und kompensieren. Mit Investi­tionen von über einer Milliarde Euro in den Ausbau erneuerbarer Energien tragen wir als Unternehmen dazu bei, den Ausstoß von Kohlendioxid zu vermeiden.
Jede Megawattstunde Strom aus regenerativen Quellen wie Wind, Sonne, Wasser oder Biomasse macht dieselbe Menge aus konventionellen Kraftwerken verzicht­bar und vermeidet deren klima­­schäd­liche Emissionen. Die HSE hat derzeit das Eigentum oder Beteili­gungen an elf Windparks, vier Solar­parks, über 120 Foto­voltaikanlagen auf Dächern, vier Biogas­anlagen und einem Biomasse­heizkraftwerk.

BGA-Semd-Kopie

Forschung für den Klimaschutz. Mit der Gründung des NATURpur Instituts für Klima- und Umweltschutz geht die HSE einen weiteren Schritt in die Zukunft einer nachhaltigen Energieversorgung. Das Institut wurde im Frühjahr 2008 als gemeinnützige GmbH gegründet und hat sich die Förderung des Umwelt- und Klimaschutzes zur Aufgabe gemacht. Die Aktivitäten sind auf die Umsetzung der Vision einer modernen Daseinsvorsorge ausgerichtet. Das Institut sieht sich als Plattform für die anwendungsorientierte, interdisziplinäre Forschung und unterstützt ausgewählte Forschungsprojekte in den Bereichen Energieeffizienz, erneuer­bare Energien und konventionelle Energien. Gemeinsame Projekte realisiert das NATURpur Institut mit der Hochschule Darmstadt, der Technischen Universität Darmstadt sowie den Universitäten in Gießen und Kassel. Die Ergebnisse aller Untersuchungen werden für die Öffent­lichkeit verfügbar gemacht.

Im Bereich erneuerbare Energien geht es beispielsweise um den Zukunftstech­no­logiebereich Geothermie sowie im Bereich der konventionellen Energien um die Auswirkungen des Energiepflanzen­anbaus auf das ökologische Gesamt­system. Die Tätigkeiten des Instituts umfassen im Bereich Energieeffizienz die Aufdeckung von Energieein­spar­potenzialen in der Reifenproduktion bei Pirelli sowie die Forschung zur Entwicklung von Smart Grids, intelligenter Infrastruktur zur Stromer­zeu­gung und -übertragung.

Stromnetze der Zukunft. Immer mehr Haushalte entscheiden sich für die Ver­wendung von Ökostrom. Der Anteil von regenerativen Energien an der Strom­erzeugung wird schätzungsweise von etwa 15 Prozent auf bis zu 30 Prozent steigen. Diesem Trend müssen die Strom­netze angepasst werden, die bislang hauptsächlich Atom- und Kohle­kraft­werke mit den Verbrauchern verbinden.

NauenNeukammerMarkee1-Kopie

In einem auf drei Jahre angelegten For­schungsprojekt für rund fünf Millionen Euro erarbeitet ein Konsortium aus zehn europäischen Unternehmen ein Kom­muni­kationskonzept für die intelligenten Stromnetze der Zukunft (Smart Grids). Die Europäische Union fördert das Projekt mit 2,9 Millionen Euro, der Rest wird auf die beteiligten Unternehmen aus Deutsch­land, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Polen verteilt. Das Projekt mit dem Titel „Web2Energy“ wird in Südhessen durchgeführt und von der Darmstädter HSE geleitet.

Entwickelt werden Lösungen für die drei zentralen Bereiche intelligente Zähler, intelligentes Energiemanagement und intelligente Fernwirktechnik, die dann unter Praxisbedingungen getestet werden. Dazu erhalten mehrere hundert Strom­kunden aus Baugebieten in Darm­stadt-Eberstadt, Ober-Ramstadt, Groß-Bieberau, Münster, Eppertshausen und Schaaf­heim intelligente Stromzähler (Smart Meter), die den Stromver­brauch zeitabhängig erfassen.
Damit kann der Stromverbrauch viel stärker an das aktuelle Stromangebot angepasst werden.

Über ein intelligentes Energiemanage­ment gilt es, die wachsende Zahl der dezen­tralen Energieerzeuger zu koordinieren und ihre Leistung als virtuelles Kraftwerk bereit­zustellen. Hierzu werden HSE-eigene Biogasanlagen, Fotovol­taikanlagen und Blockheizkraftwerke sowie Wasserkraft­anlagen am Neckar zur Last­­steuerung zusammengeschaltet. Gleich­zeitig sollen neue innovative Spei­cher­tech­nologien die Lücken zwischen Strom­ange­bot und Strom­nachfrage überbrücken.

In Deutschland gibt es dank gut ge­pflegter Versorgungsnetze nur selten Versor­gungsunterbrechungen. Treten sie dennoch auf, müssen zur Ortung und Beseitigung der Störung zahlreiche Ortsnetzstationen einzeln angefahren werden. Im Rahmen des Pro­jektes sollen über eine intelligente Fernwirktechnik diese Abläufe automatisiert und damit erheblich verkürzt werden. Die zentrale Koordination erfolgt dabei über die Querverbund­leitstelle des Verteilnetzbetreibers (VNB) Rhein-Main-Neckar in Darmstadt.

solarworld_01_300-Kopie

Neue Projekte in der Region Darm­stadt. In Groß-Umstadt/Heubach hat die HSE ein Geothermie-Pilotprojekt gestartet. Mit der ersten geothermischen Tiefen­bohrung in Hessen soll die Nutzung von Energie aus dem Erdinneren weiter vorangebracht werden. Die Erdwärme soll einen mittelständischen Betrieb versorgen.

Ein Beispiel für verbesserte Energie­effizienz ist die Schlossberghalle in Heppenheim-Hambach. Hier wurde die Fassade gedämmt, die Heizung und die Lüftung wurden modernisiert und eine Solaranlage zur Warmwasser­auf­be­rei­tung installiert. Die Mehrzweck­halle, die 1965 gebaut wurde, verbraucht jetzt fast 54 Prozent weniger Strom und Wärme und verursacht nach der Sanierung rund 87 Prozent weniger Kohlendioxid.

Künftig wird es viel mehr kleinere, dezentrale Anlagen geben, die regenerative Quellen wie Sonne, Wind, Wasser oder Biomasse nutzen. Da die Sonne nicht immer scheint und der Wind nicht immer bläst, wird die regenerative Energie nicht konstant ins Netz eingespeist. Der Ausgleich zwischen Strom­erzeugung und Strombedarf wird schwieriger. Für diesen soll in Darm­stadt eine Gasturbinenanlage für 55 Millionen Euro sorgen, die sogenannte Regelenergie ins Netz einspeisen kann. Auf diese Weise ist ein Ausgleich der natürlichen Schwankungen innerhalb weniger Minuten möglich. Die Gas­turbinen­anlage kann in nur neun Minuten von Null auf 100 Megawatt hochgefahren werden.

Das Engagement der HSE für erneuerbare Energien und ihr „Darmstädter Weg“ finden bundesweit Anerkennung. Im Jahr 2010 wurde der Konzern mit dem „Deutschen Solarpreis“ ausgezeichnet. Der renommierte Naturwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker lobte die Anstrengungen öffentlich als vorbildlich in Deutschland. Eine Ausweitung der Eigenerzeugungskapazität sowie Investi­tionen in erneuerbare Energien garantieren Eigenständigkeit und Unabhängig­keit – damit Entscheidungen für die Region auch weiterhin in der Region getroffen werden.

albert_filbert_hse-KopieDer Autor (Jahrgang 1953) studierte Betriebs­wirtschaftslehre an der Uni­ver­sität Würz­burg und war als Prokurist bei der Neckarwerke AG tätig. Seit 1998 ist er Mitglied des Vorstandes der HEAG AG. Von 2002 bis 2003 war er Sprecher des Vorstandes der HSE (HEAG Südhessische Energie AG). Seitdem ist Albert Filbert Vorstands­vor­sitzender der HSE.