Dr.-Ing. Andreas Schmidt: Die Energiewende braucht berechenbare Rahmenbedingungen

REpower_alphaVentus_200910_1-KopieDie Auftragsbücher von Logistikern sind Seismografen für die Wirtschaft: Stei­­gende Frachtraten und ausgebuchte Fuhr­­parks symbolisieren Phasen der Hoch­­kon­­junktur, leer stehende Lagerkapazi­tä­­ten und auf Reede liegende Handelsschiffe dagegen eine Krisensituation. Die Logistikwirtschaft muss sich immer wieder an die sich verändernden Anfor­der­ungen ihrer Auftraggeber und der je­­weiligen Märkte anpassen. Zu ihren größten Herausforderungen gehört momentan die Unterstützung der politisch geforderten Energiewende. Das letzte Atomkraft­­­werk wird in Deutschland 2022 vom Netz gehen. Parallel zur sukzessiven Abschal­­­tung soll die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zugunsten erneuerbarer Ener­­gien zurückgefahren werden. Die von der Bundesregierung verkündeten Ziele sind ambitioniert: Das Erneuerbare-Ener­­­gien-­­Gesetz (EEG) und dessen letzte Novelle möchten bereits 2020 den Anteil regenerativer Energien an der Strom­­ver­­sorgung auf 35 Prozent erhöht sehen. Für die Realisierung dieser Ziele haben die Häfen einen hohen Stellenwert – nicht nur als Hubs der Offshore-Windindustrie oder des Umschlags und der Lagerung von Biomasse. Sie sind auch wichtig für die Bedarfsabdeckung der weiterhin benö­­tigten fossilen Brennstoffe, etwa beim Kohle­­import, da die inländische Produk­tion von Steinkohle in den kommenden Jahren gegen Null gefahren werden wird: Gemäß den Vorgaben der EU-Kommis­sion läuft die deutsche Steinkohle­för­de­­rung spätestens 2018 aus.

Über Cuxhaven werden Windenergieanlagen zu den Offshore-Windparks in der Nordsee verschifft.

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Der politische Wille zur Energiewende konfrontiert die Hafenbetreiber und ihre Auftraggeber aus dem Energiesektor mit ungewöhnlich kurzen Fristen. Während sich die Volkswirtschaft in den nächsten Jahren den Fragen zur Versorgungs­sicher­heit und zu wettbewerbsfähigen Energie­­preisen stellen muss, lautet die entschei­­dende Frage für die Häfen: Wie können die vorhandenen Strukturen erneuert, um­­gebaut oder erweitert werden, um die En­­­ergiewende kostendeckend und effizient zu begleiten? Ihre geografische Nähe zu den Windparkprojekten in der Nordsee stellt gerade die niedersächsischen Hafen­­standorte vor neue Herausforderungen. Da diese Häfen zudem internationale Schnitt­­­stellen für den Umschlag von Kohle oder Biomasse darstellen, ergeben sich hier weitere strategische Anknüpfungspunkte. Schließlich benötigen nicht nur Nieder­sach­­sen, sondern auch seine Nachbarn Schleswig-­­Holstein und Hamburg bereits heute mehr Energie, als sie selbst erzeugen können. Die Energiewende zwingt die niedersächsischen Häfen zu rasantem Handeln: Am Standort Cuxhaven etwa ist aufgrund der Umschlagsentwicklung eine Terminal-Erweiterung bei Cuxport um einen vierten Liegeplatz geplant. Darüber hinaus werden Spezialterminals zum Um­­schlag von Windenergieanlagen weiter ertüchtigt. Potenziale zur Erweiterung (Liegeplätze 5 bis 7) sind vorhanden. Das Raumordnungsprogramm (RROP) – Ab­­schnitt Windenergie – wird derzeit über­­arbeitet, um die gültige Bauhöhen­be­schrän­­kung von 100 Metern zu erhöhen.

Die Nordseehäfen stellen sich in der Offshore-Logistik mit großem Engagement den Herausforderungen der Energiewende.

Die Nordseehäfen stellen sich in der Offshore-Logistik mit großem Engagement den Herausforderungen der Energiewende.

Kohle weiterhin integraler Bestandteil des Energiemix. Unstrittig ist, dass in den kommenden Jahren der vollständige Verzicht auf fossile Brennstoffe nicht realisierbar ist und deshalb ihr Einsatz noch bedarfsorientierter erfolgen wird. Wenn Energieträger wie die Kohle jedoch hinsichtlich ihrer Rentabilität im Wett­bewerb behindert werden – etwa durch Umlagen für den Ökostrom – erschwert dies ein methodisches Handeln der am Strommarkt agierenden Unternehmen. 2011 wurden allein durch die EEG-Um­lage 14 Milliarden Euro auf die Produk­tions­­kosten der fossilen Energie aufgeschlagen – Tendenz steigend. Zusätzlich müssen in Deutschland bis 2020 über 200 Milliarden Euro in die erneuerbaren Energien investiert werden. Diese Entwicklungsszenarien betreffen selbstverständlich auch die Häfen. Ändern sich Rahmenbedingungen so unerwartet wie im vergangenen Jahr, wird eine nach­­haltige Planung für die Unternehmen nahe­­zu unmöglich: Wer sollte für den kosten­­intensiven Ausbau von Terminalanlagen, wie ihn die Rhenus an der Niedersachsen­­brücke in Wilhelmshaven durchführt, noch signifikante Mittel einsetzen, wenn er sich nicht darauf verlassen kann, dass die gesetzlichen Richtlinien eine vertretbare Halbwertszeit besitzen, um solide zu wirtschaften? Ebenso werden in den See- und Binnen­­­häfen neue Konzepte für die Kraftwerksver­­sorgung entstehen müssen, die die Kohle­­lagerung und -distribution flexibilisieren. Das schwarze Gold ist natürlich ges­pei­cherte Energie und anderen Formen der Stromkonservierung weit überlegen. Wächst der Anteil der oft nur schwankend verfügbaren regenerativen Ressourcen am Energiemix, sind die Entwicklung maßgeblicher Speicherkapazitäten, der Ausbau der Stromübertragungs- und -ver­­teilernetze sowie die Modernisierung der konventionellen Kraftwerke unabdingbar. Denn erst dann werden erneuerbare Ener­­gien auch verlässlich ins Netz eingespeist werden können. Dies setzt wiederum voraus, dass die Kohlekraftwerke flexibel aus den Häfen mit dem fossilen Energie­trä­ger beliefert werden. So ist beispielsweise ein in seiner Suprastruktur auf den kontinuier­­lichen Kohledurchsatz ausgerichteter Hafen nicht ohne umfangreichen Kapi­talein­­satz für die zusätzliche Spei­cherung nutzbar, da unter anderem erheb­lich größere Lager­­flächen geschaffen werden müssen. Offshore-Windenergie als Zukunfts­markt. Die Windkraft, so das „Energiekonzept des Landes Niedersachsen“, „bildet beim Um­­bau der Stromerzeugungskapazitäten in Deutschland das Kernstück, da hier die größten Ausbaupotenziale für die Stromerzeugung liegen. Ohne die Offshore-­­­Windenergienutzung wird die Bundes­republik Deutschland ihre Ziele beim Aus­­bau der erneuerbaren Energien und dem Klimaschutz nicht erfüllen können.“ Und ohne die Dienstleistungen der Hafen­­­­betreiber, wäre zu ergänzen, werden die Energieversorgungsunternehmen und ihre Partner diese Vorgaben nicht um­­­setzen können. Ein Blick auf die Klassi­fizierungstypen des Zentralverbands der deutschen Seehafenbetriebe zeigt, welche Aufgaben den maritimen Standorten ob­­liegen sollen: Von Installationshäfen, Pro­duk­­tionshäfen, Import- und Exporthäfen, Reaktionshäfen und Versorgungshäfen ist die Rede, wenn die vielfältigen Funk­tion­en an der Kaje beim Aufbau der Offshore-­­Kapazitäten sowie bei Service und War­tung der Windparks beschrieben werden. In der Logistikbranche wächst – an unseren für das Offshore-Geschäft prädesti­nierten Terminals in Nordenham, Wilhelms­­haven und nicht zuletzt Cuxhaven spüren wir dies als Dienstleister – zum einen die Anzahl der konkreten Projekte, die es für die Industrie umzusetzen gilt, zum anderen konkretisieren sich die Anforder­ungen an die Hafenbetreiber. Überlagert wird dies allerdings seit Kurzem durch Ver­zögerungen durch fehlende Netzanschlüsse auf See. Die steigende Dynamik, die diese junge Branche kennzeichnet, lässt freilich eine exemplarisch in der Automobilwirtschaft schon seit Jahrzehnten vorhandene Indus­­trialisierung der Logistikprozesse noch vermissen. Verbesserungen, die Logistik­­ketten optimieren, generieren sich dabei zuvorderst aus den Erfahrungen, die bei der Umsetzung erster Projekte erworben wurden, aber ebenso aus der Überprüfung erfolgreicher Konzepte aus anderen Ge­­schäftsfeldern, die auf die Offshore-Bran­­che übertragen werden können. Die Hafen­­wirtschaft wird mit ihren logistischen Mög­­lichkeiten dazu beitragen, dass durch den Aufbau der Windparks auf hoher See künf­­tig ein Mehr an sauberer Energie erzeugt werden wird.

In Bremen/Niedersachsen gut aufgestellt: Biomasse von den Feldern, aus der  Viehhaltung und der Forstwirtschaft bilden einen wichtigen Baustein der Energiewende.

In Bremen/Niedersachsen gut aufgestellt: Biomasse von den Feldern, aus der
Viehhaltung und der Forstwirtschaft bilden einen wichtigen Baustein der Energiewende.

Perspektiven. Die Energiewende ist ange­­sichts der Endlichkeit fossiler Brennstoffe unumgänglich, mag es auch Kritik an der Unklarheit und Unstetigkeit von Einzelent­­scheidungen oder am Fahrplan geben. Wichtig erscheint aus unternehmerischer Sicht ein hohes Maß an Berechenbarkeit bei den gesetzgeberischen und finanziellen Rahmenbedingungen. Dieser Wunsch beinhaltet sowohl eine Unterstützung der Privatwirtschaft mit gezielten Förderungen durch die öffent­­liche Hand, ohne die eine nationale Auf­­gabe dieser Größenordnung nicht zu leisten ist, als auch die Anerkennung der Anstrengungen bei der Bedarfs­ab­siche­­­rung durch konventionelle Energieträger. Eine Bevorzugung der erneuerbaren Ener­­gien in einem unvernünftigen Ausmaß setzt unter Umständen die Versorgungs­sicherheit aufs Spiel, beeinflusst aber vor allem Kostenstrukturen am Industrie­stand­­­­ort Deutschland. Zum Wohle einer hoffent­lich auch in Zukunft prosperierenden Öko­­nomie sollte hier bei der Energieversorgung einer gesamten Volkswirtschaft nicht leicht­­­fertig gehandelt werden.

2012_02_24_Rhenus_EWV_Schmidt_1-KopieDer 1955 geborene Autor hat an der Tech­­nischen Universität Braunschweig studiert und wurde dort zum Dr.-Ing. promoviert. Von 1984 bis 2002 arbeitete er für die Holzmann AG, die Thyssen Sonnenberg GmbH und die Interseroh AG in leitenden Positionen. Dr. Schmidt ist Mitglied der Geschäftsführung der Rhenus Port Logistics und zeichnet dort für die See- und Binnenhäfen der Unter­­­­nehmensgruppe verantwortlich.